Inflation: Die Auswirkungen auf die private Finanzplanung

Die Preise in der Schweiz steigen: Der Konsum wird teurer, das frei verfügbare Einkommen weniger und die Sparquote magerer. Höchste Zeit, dem Thema Inflation in der privaten Finanzplanung (wieder) Aufmerksamkeit zu schenken.

04.06.2024 Von: Pascal Bechtiger, Pascal Egloff
Inflation

Inflation

Das Bundesamt für Statistik (BFS) definiert Inflation als «allgemeiner und kontinuierlicher Preisanstieg oder [...] anhaltender Geldwertverlust ». Inflation wirkt folglich auf zweierlei Arten: i) eine nominale Preissteigerung beziehungsweise ii) ein realer Kaufkraftverlust.

Die Gründe für Veränderungen des Preisniveaus sind vielfältig. So kann die Inflation auf monetärer Ebene durch die Geldpolitik und die Wechselkurse bedingt gesteuert werden, sie kann aber auch angebots- und nachfrageseitige Ursachen in der Realwirtschaft haben oder auf der Weltpolitik fussen (z.B. Welthandel oder Kriege).

Im Gesamtinteresse des Landes wahrt die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Preisstabilität mit einem Inflationsziel von unter 2% pro Jahr. So sorgte die Geldpolitik der SNB in den vergangenen Monaten über steigende Zinsen für eine Verknappung der Liquiditäts- und Kreditversorgung und führte über Transmissionsmechanismen zu einem Abwärtsdruck auf die Preise. Diese geldpolitischen Massnahmen hielten die Inflation erwartungsgemäss an der kurzen Leine. Nichtsdestotrotz verharrt die Preissteigerung auf vergleichsweise hohem Niveau. Ein Zustand, mit dem nicht nur die SNB kämpft, sondern auch andere namhafte Währungshüter wie die FED oder die EZB.

In der Praxis wird die Inflation in der Regel anhand des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK) gemessen. Für wirtschafts-, sozial- und finanzpolitische Entscheide wird der LIK situativ durch den Produzenten-, Import- und Baupreisindex ergänzt.

Landesindex der Konsumentenpreise LIK

Hinweis: In der Alltagssprache wird der LIK gleichgesetzt mit Teuerung, Landesindex oder Verbraucherpreisen. Der LIK wird einerseits herangezogen, um Preisentwicklungen abzubilden, und andererseits, um Indexierungen (z.B. zur Anpassung von Renten oder Löhnen) vorzunehmen.

Der LIK misst die Preisentwicklung der wichtigsten Konsumgüter. Abgebildet werden diese Lebenshaltungskosten in einem Warenkorb, welcher die am häufigsten konsumierten Waren und Dienstleistungen eines durchschnittlichen Schweizer Privathaushalts widerspiegelt. Dazu gehören zum Beispiel die Ausgaben für Wohnen, Energie, Gesundheit, Freizeit und Kultur sowie Nahrungsmittel. Insgesamt finden sich im LIK zwölf Ausgabekategorien, welche nach ihren jeweiligen Anteilen an den Gesamtausgaben der Haushalte gewichtet sind.

Streng genommen ist der LIK kein umfassender Lebenshaltungskostenindex, sondern ein reiner Preisindex. Der LIK enthält – im Gegensatz zu einem umfassenderen Lebenshaltungskostenindex – unter anderem keine obligatorischen Steuern und Sozialversicherungsabgaben (insbesondere Krankenkassenprämien), welche als Ausgaben zwar budgetrelevant sind, nach der Defintion der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aber keinen Konsum, sondern Transferzahlungen darstellen. Transferzahlungen sind Zahlungen, die den Haushalten in direkter oder indirekter Form wieder zufliessen, im Falle der Krankenkassenprämien z.B. als Ersatzleistungen im Schadensfall. Krankenkassenprämien zählen deshalb nicht zum Konsum – wir verkonsumieren nicht die Prämien, sondern die individuellen Gesundheitsleistungen, die nota bene im LIK enthalten sind.

Hinweis: Der LIK berücksichtigt somit nicht die gesamten Lebenshaltungskosten, ist aber dennoch ein zuverlässiger und allgemein anerkannter Gradmesser der Teuerung. Zu Recht: Gemäss BFS geben die Haushalte rund 60% ihres Gesamteinkommens für Konsumgüter aus. Der LIK erfasst somit den Löwenanteil der Lebenshaltungskosten.

Selbstredend repräsentiert der LIK die Konsumausgaben bezogen auf einen durchschnittlichen privaten Haushalt. Wem dies zu wenig differenziert ist, sei auf den individuellen Teuerungsrechner1 des BFS verwiesen. Ergänzend können die deutlich angestiegenen Krankenkassenprämien mittels Krankenversicherungsprämien- Index KVPI analysiert werden. Der KVPI zeigt die durchschnittliche Prämienentwicklung für die obligatorische Versicherung und die freiwilligen Zusatzversicherungen. Hieraus lässt sich der Einfluss des Prämienanstiegs auf das frei verfügbare Einkommen der privaten Haushalte ableiten.

Dies ist deshalb zielführend, weil nach dem Credo «gleiche Prämie für gleiche Leistung» die Krankenkassenprämien unabhängig von der persönlichen Einkommenssituation sind.

Blick in die Welt – und in die Vergangenheit

Gemäss BFS lag die Jahresteuerung im Jahr 2022 bei 2,8%; das heisst, der definierte Warenkorb des LIK verteuerte sich gegenüber dem Jahr 2021 um 2,8%. Haupttreiber waren unter anderem die höheren Preise für Erdölprodukte und Gas sowie die gestiegenen Wohnungsmieten. Die Kerninflation (ohne frische Produkte, Energie und Treibstoff) lag mit 2,0% nachvollziehbarerweise tiefer.

Im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften ordnet sich die Schweizer Inflation im Jahr 2022 auf moderatem Niveau ein2

  • Deutschland 9,3%
  • Österreich 10,2%
  • Europäische Union 9,9%
  • Vereinigte Staaten 6,1%

Das langjährige Mittel der Preissteigerung (geometrisches Mittel) liegt in der Schweiz bei 2,2% p.a. (1914–2022); flankiert durch die beiden Extremwerte von 25,2% im Jahr 1918 und –18,1% im Jahr 1922. Im vergangenen Vierteljahrhundert (1997–2022) geriet die Inflation mit einer durchschnittlichen Jahresteuerung von (lediglich) 0,5% nahezu in Vergessenheit.

Ein Blick auf die aktuelle Dekade zeigt für die Schweiz folgende annualisierten Inflationsraten (Quelle: BFS):

JahrInflationsrateJahrInflationsrate
2015-1.1 %2020-0.7 %
2016-0.4 %20210.6%
20170.5 %20222.8%
20180.9 %20232.1% (Prognose Dezember 2023, SECO)
20190.4 %20241.9% (Prognose Dezember 2023, SECO)

Berücksichtigung der Inflation in der privaten Finanzplanung

Die Inflation beeinflusst die Plandaten der privaten Finanzplanung – und zwar sowohl die Einnahmen und Ausgaben als auch das Vermögen und die Schulden. Vereinfacht ausgedrückt bewirkt die Inflation, dass das heute gesparte Geld in Zukunft weniger wert ist.

Hinweis: Naturgemäss verursacht die Teuerung unmittelbar einen Anstieg der Konsumausgaben. Allerdings sind nicht alle Ausgaben gleich stark von der Inflation betroffen. So steigen die Preise für Luxus und Gesundheit tendenziell stärker als die Preise für Güter des täglichen Bedarfs.

Demgegenüber sind Erwerbseinkommen zumindest kurzfristig nominal fixiert: Lohnanpassungen an die Teuerung erfolgen zeitverzögert und in kleinen Schritten. Während bei der AHV ein Teuerungsausgleich gesetzlich verankert ist (i.d.R. alle zwei Jahre Anpassung an den Mischindex), werden die Altersrenten der Pensionskassen nach dem Wortlaut des Gesetzes (Art. 36 BVG) lediglich im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Vorsorgeeinrichtung an die Preisentwicklung angepasst. Das paritätische oder das oberste Organ der Vorsorgeeinrichtung entscheidet jährlich darüber, ob und in welchem Ausmass die Renten angepasst werden. Auf die entscheidende Frage, ab wann die finanziellen Möglichkeiten für einen Teuerungsausgleich gegeben sind, gibt es keine allgemeingültige Antwort – entsprechend gross ist der Ermessensspielraum der Vorsorgeeinrichtungen.

Auf der Vermögensseite schlägt die Inflation bei Nominalwerten (z.B. Bargeld, Sparkonten, Obligationen) stärker durch als bei Realwerten (z.B. Aktien, Immobilien, Edelmetalle), die tendenziell mit der Inflation Schritt halten.

Im Finanzplan lässt sich die Inflation entweder über die Preissteigerung (nominal) oder den Kaufkraftverlust (real) abbilden. Bei der Preissteigerung (nominale Methode) werden die Einnahmen und Ausgaben inflationiert und das Vermögen mit nominalen Zielrenditen hochgerechnet. Die nominale Methode nimmt folglich die Geldsicht ein: Wie viel muss ich in Zukunft für ein Pfünderli Brot ausgeben, wenn es heute CHF 2.70 kostet?

Hinweis: Real bedeutet nach Abzug der Inflation. So wird beispielsweise aus einer nominalen Lohnsteigerung von 3,0% aufgrund der Inflation von 2,0% eine reale Lohnsteigerung von 1,0%. Oder die nominale Verzinsung des Sparkontos von 1,0% verwandelt sich nach Abzug der Inflation von 2,0% in einen realen Negativzins von –1,0%.

Beim Kaufkraftverlust (reale Methode) bleiben die Einnahmen und Ausgaben bezüglich Inflation unverändert, während Vermögen und Schulden mit realen Renditen hochgerechnet werden. Die reale Methode nimmt folglich die Gütersicht ein: Wie viele Pfünderli Brot erhalte ich in Zukunft für CHF 2.70?

Speziell zu handhaben sind derweil die Altersrenten aus der zweiten Säule. Die Altersrenten aus den Pensionskassen werden (wie oben erwähnt) nicht gesetzlich der Inflation angepasst. Diesem Umstand wird in der Finanzplanung Rechnung getragen, indem die Pensionskassenrente bei der nominalen Methode nicht inflationiert wird (d.h., sie bleibt über die Zeit unverändert), bei der realen Methode jedoch kaufkraftbereinigt werden muss (d.h., sie verliert über die Zeit real an Wert).

Auswirkungen der Inflation auf die private Finanzplanung

Die Inflation schmälert einerseits die Kaufkraft (Kaufkraftverlust) und verteuert andererseits die Lebenshaltungskosten (Preissteigerung). Folgendes Beispiel verdeutlicht dies:

  • Kostete das oben erwähnte Pfünderli Brot im Jahr 1914 noch rund CHF 0.25, so führte die durchschnittliche jährliche Teuerung von 2,2% über den Zeitablauf dazu, dass das Pfünderli Brot im Jahr 2022 CHF 2.70 kostete.

In der Logik ebendieser Preissteigerung verdoppelt eine Inflationsrate von durchschnittlich 2% p.a. die Lebenshaltungskosten alle 35 Jahre. Hat beispielsweise ein künftiges Rentnerehepaar im Alter von 65 Jahren Lebenshaltungskosten von CHF 50 000.–, so werden diese bis zu ihrem 100. Geburtstag3 auf CHF 100 000.– angewachsen sein.

Die Verdoppelungszeit der Preise verkürzt sich derweil, wenn die Inflationsrate steigt:

InflationsrateVerdoppelung der Preise
1 %70 Jahre
2 %35 Jahre
3 %23 Jahre
4 %17 Jahre
5 %14 Jahre
10 %7 Jahre

Mit der 72er-Regel (72 geteilt durch Inflation) lässt sich die Verdoppelungszeit zwar nur approximativ, dafür aber ohne finanzmathematische Kopfstände herleiten: z.B. bei 2% Inflation => 72 : 2 = 36 Jahre.

In der Logik des Kaufkraftverlusts führt die Inflation zu einer Reduktion des Vermögens. Dieser Effekt lässt sich wiederum am Beispiel unseres Rentnerehepaars verdeutlichen. Hierfür unterstellen wir zwei Annahmen:

  • Das Rentnerehepaar verfügt über ein Vermögen von CHF 500 000.–. 
  • Das Vermögen wird nicht investiert (Nominalrendite = 0%).

Das Nichtinvestieren führt dazu, dass sich das Vermögen bei einer Inflation von 2% innerhalb von 35 Jahren (gemessen an der Kaufkraft) halbiert. Dies liegt daran, dass die reale Rendite exakt der Inflation entspricht (real –2% = nominal 0% – Inflation 2%).

Die Halbwertszeit des Vermögens verkürzt sich, wenn die Inflationsrate steigt:

  Jahre
  51015203035
Inflation in %1475 495452 191430 029408 953369 850351 724
2451 960408 536369 285333 804272 742246 537
3429 367368 712316 626271 897200 504172 179
4407 686332 416271 043221 001146 929119 802
5386 890299 368231 646179 243107 31983 042
10295 245174 339102 94660 78821 19612 516

Fazit für die private Finanzplanung

Das obige Beispiel zeigt zweierlei: einerseits die (meist unterschätzte) Macht der Inflation und andererseits die Notwendigkeit, das Vermögen unter Berücksichtigung der persönlichen Risikobereitschaft und Risikotragfähigkeit zu investieren, um den schleichenden Kaufkraftverlust in Schach zu halten. Zwar bietet keine einzelne Anlageklasse einen perfekten Schutz vor Inflation, aber jede reagiert unterschiedlich darauf. Mit einem über alle Anlageklassen gut diversifizierten Portfolio lässt sich die Inflation abfedern, und es kann eine positive Realrendite erzielt werden.

Eine ausgewogene nationale Balanced-Strategie mit 10% Geldmarkt, 40% Obligationen und 50% Aktien erzielte gemäss Lüscher- Marty über 25 Jahre (1995 –2020) eine nominale Rendite von 5,70% p.a. – und dies bei einem Risiko (Standardabweichung) von 9,07%. Bei einer periodenbereinigten Inflation von durchschnittlich 0,45% p.a. im selben Zeitraum ergibt sich (vereinfacht) eine reale Rendite von 5,25% p.a.

Hilfreich im Kampf gegen die Inflation können zudem Anlagen in Aktien mit stabilen Dividenden, Immobilien, Rohstoffe wie Gold oder inflationsgeschützte Anleihen sein. Optimalerweise umgesetzt mittels einer passiven Anlagestrategie und abgebildet über Exchance Traded Funds (ETFs).

Der Einbezug der Inflation in die Finanzplanung hilft, persönliche Lebensentwürfe und finanzielle Ziele besser zu erreichen und die Kaufkraft des Vermögens über Generationen hinweg zu schützen. Letztlich fehlt dem Finanzplaner die Kristallkugel – und die in der Finanzplanung verwendete Inflationsrate (Werte zwischen 1,00% und 2,00% scheinen plausibel) ist am Ende des Tages eine Annahme. Wie bei allen systemrelevanten Planungsgrössen (z.B. auch Restlebens- oder Renditeerwartung) bietet sich deshalb ein Rechnen mit Sensitivitäten und Szenarien an. Gerade bei der Inflationserwartung kann das Aufzeigen von Bandbreiten die Augen öffnen und ein Gefühl dafür vermitteln, wie stark das Haushaltsvermögen dem Inflationsrisiko und dem damit einhergehendem Kaufkraftverlust ausgesetzt ist.

 

QUELLEN

Bechtiger, P. und Spring, R. (2022), Orientierung statt Moneypulierung. Verlag SKV.

BFS (2023), Durchschnittliche Jahresteuerung von 2,8% im Jahr 2022. BFS.

BFS (2023). Konsumentenpreise. Gefunden unter: www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/preise/ landesindex-konsumentenpreise.html BFS (2023). KVPI-Belastungsrechner. Gefunden unter: https://lik-app.bfs.admin.ch/de/kvpi

BFS (2023).Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) [527-2300]. BFS.

BFS (2023). LIK, Totalindex auf allen Indexbasen [Indexierungstabellen]. BFS.

BFS (2023). LIK-Teuerungsrechner. Gefunden unter: https://lik-app.bfs.admin.ch/de/itr.

Ferber, M. (2022). AHV und Pensionskasse: In diesen Fällen sind die Renten vor Inflation geschützt. NZZ.

Lüscher-Marty, M. (2020). Geldanlage: Wegweiser zur Anlagekompetenz. Compendio Bildungsmedien.

SECO (2023). Konjunkturprognose. SECO.

SNB (2023). Die geldpolitische Strategie der SNB. Gefunden unter: www.snb.ch/de/the-snb/mandatesgoals/ monetary-policy/strategy

FUSSNOTEN

1www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/preise/erhebungen/lik/rechner.html
2Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI), Quelle BFS. Der HVPI ist ein Teuerungsindikator, anhand dessen die Teuerung der Schweiz mit jener anderer Länder verglichen werden kann.
3Bei der Generation 2017 werden laut BFS 15% der Männer und 26% der Frauen die 100er-Grenze knacken (Quelle BFS, Lebenserwartung [2023]).

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