Erreichbarkeit: Wie flexible Ferienregelungen Grenzen schaffen

In vielen Unternehmen darf das Team heute eigenständig entscheiden, wer wann Ferien bezieht – vorausgesetzt, der Betrieb bleibt abgedeckt. Doch diese Flexibilität ist nicht immer selbstverständlich. Wovon hängt sie ab, und welchen Einfluss hat sie auf die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden? Flexible und innovative Ferienregelungen können ein strategisches Instrument zur Mitarbeiterbindung und -gewinnung sein. Dieser Artikel zeigt, warum sie heute wichtiger denn je sind – und wie Unternehmen sie sinnvoll gestalten und einsetzen können.

11.06.2026 Von: Slavelina Jauslin
Erreichbarkeit

Fallbeispiel: Wenn Ferien keine Erholung bringen 

Laura, 34, arbeitet als Projektleiterin in einem mittelgrossen IT-Unternehmen. Sie liebt ihre Arbeit, ist ehrgeizig und immer erreichbar – selbst während ihrer Ferien. Auch auf Mallorca checkt sie morgens E-Mails, beantwortet kurze Anfragen im Chat und telefoniert bei «dringenden Fällen». Nach zwei Wochen kommt sie zurück ins Büro – nicht erholt, sondern erschöpft. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sie ist gereizt und hat das Gefühl, «gar nicht richtig weg gewesen zu sein». Lauras Fall ist kein Einzelfall – viele Arbeitnehmende sind auch im Urlaub erreichbar, Tendenz steigend. Dank Smartphone & Co. ist das technisch einfach und bequem – schliesslich hat man das Gerät stets zur Hand. Die Folgen: weniger Regeneration, höhere Krankheitsanfälligkeit und langfristig ein erhöhtes Burn-out-Risiko. 

«Wer ständig erreichbar ist, ist nie wirklich da – weder bei sich noch bei anderen.»

Rückblick: Ferien damals und heute 

Die Industrialisierung hat die Arbeitswelt tiefgreifend verändert. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Ferien ein Luxus. Erst mit der Einführung der 40-Stunden-Woche – in der Schweiz ab 1983 schrittweise umgesetzt – wurde eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit gesetzlich verankert. 

Heute ist die Arbeitswelt schneller, digitaler und oft auch fordernder. Ständige Erreichbarkeit, Verdichtung von Aufgaben und hoher Leistungsdruck sorgen dafür, dass viele Arbeitnehmende selbst im Urlaub E-Mails checken oder erreichbar bleiben – echte Erholung rückt in den Hintergrund. Gleichzeitig werden oft grosse Mengen an Überstunden geleistet, ohne dass sie kompensiert werden. Das wirkt sich langfristig auf die Gesundheit aus, kurzfristig auf die Produktivität: Man arbeitet mehr Stunden, wird aber durch chronische Müdigkeit weniger leistungsfähig. 

Das gesetzliche Fundament 

Gemäss Schweizer Arbeitsrecht stehen jedem Arbeitnehmenden mindestens vier Wochen Ferien pro Jahr zu, zwei davon müssen am Stück bezogen werden. Der Grundsatz: Erholung soll garantiert sein. Doch: Ob diese vier Wochen tatsächlich für eine nachhaltige Erholung ausreichen, ist fraglich – insbesondere in Berufen mit hoher Verantwortung oder Belastung. Der Arbeitgeber hat dabei das letzte Wort über den Zeitpunkt der Ferien, muss jedoch berechtigte Interessen der Mitarbeitenden berücksichtigen, etwa bei Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Betriebsferien sind ebenfalls ein legitimer Grund zur Planungsvorgabe seitens der Firma. 

Ferien als Notwendigkeit – nicht Luxus 

Wie Elly Oldenbourg in ihrem Buch «Workshift » beschreibt, hat sich unsere Arbeit durch die digitale Transformation stark verändert: Sie ist komplexer, dichter, schneller geworden. Wir können mehr in weniger Zeit bewältigen. Die Folge davon: Viele Menschen klagen über Rückenschmerzen, chronische Müdigkeit, innere Anspannungen. 

Ferien sind heute nicht mehr bloss eine Gelegenheit für Reisen oder Entspannung – sie sind eine essenzielle Voraussetzung, um überhaupt leistungsfähig zu bleiben. Sie er möglichen es, die eigenen Ressourcen wieder aufzufüllen, Abstand zu gewinnen und gesund zu bleiben – körperlich wie mental. 

Psychologische Komponente: Erreichbarkeit und die Bedeutung des Abschaltens

In einer Welt, in der ständige Erreichbarkeit oft als Normalität gilt, wird das echte Abschalten zur immer grösseren Herausforderung – und gleichzeitig zur zentralen Voraussetzung für Gesundheit, Produktivität und Zufriedenheit. 

Die Erholungstheorie von Sonnentag und Fritz (2007) wurde in einem Artikel vorgestellt. In dieser Arbeit identifizieren sie vier zentrale Erholungserfahrungen, die für die Regeneration von Arbeitnehmern während der Freizeit wesentlich sind: 

  • psychologische Distanzierung: das mentale Ablösen von arbeitsbezogenen Gedanken und Aktivitäten während der Freizeit
  • Entspannung: Abbau innerer Anspannung
  • Meistererleben: Engagement in herausfordernden Freizeitaktivitäten, die neue Fähigkeiten fördern und ein Gefühl der Kompetenz vermitteln
  • Kontrolle: die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie die Freizeit gestaltet wird, was das Gefühl von Autonomie stärkt 

Diese Erholungserfahrungen tragen dazu bei, Stress abzubauen und das Wohlbefinden sowie die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz zu verbessern. 

Stressverarbeitung und mentale Gesundheit 

Stress ist nicht per se negativ – er kann kurzfristig leistungsfördernd sein. Doch chronischer Stress, bei dem keine echten Erholungsphasen dazwischenliegen, führt zu ernsthaften Problemen: Er erhöht das Risiko für Burn-out, Depressionen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf- Erkrankungen und mehr. Ferien bieten dem Körper und dem Gehirn die Gelegenheit, diese Stresshormone abzubauen, Reize zu verarbeiten und wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu kommen. Wer während der Ferien jedoch ständig Mails checkt oder gedanklich im Büro bleibt, nimmt sich diese Möglichkeit. 

Kognitive Leistungsfähigkeit und Kreativität 

Erholte Menschen denken klarer, treffen bessere Entscheidungen und zeigen höhere kognitive Flexibilität. Wer regelmässig abschaltet, stärkt seine Konzentration, Problemlösungsfähigkeit und Kreativität. Menschen haben nach Erholungsphasen mehr Ideen, sind lösungsorientierter und resilienter gegenüber Rückschlägen – was sich direkt positiv auf die Arbeit auswirkt. 

Langfristige Auswirkungen fehlender 

Erholung Wer nie richtig abschaltet, lebt im «Dauer- Stand-by». Die Folgen: 

  • emotionale Erschöpfung
  • Zynismus und Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit
  • sinkende Leistungsbereitschaft
  • höhere Krankheitsanfälligkeit
  • schlechteres Betriebsklima 

Dies betrifft nicht nur Einzelne – sondern wirkt sich auch direkt auf Teams und Organisationen aus: Fehlzeiten steigen, die Fluktuation nimmt zu, das Betriebsklima leidet. All das führt unweigerlich zu steigenden Kosten für Unternehmen. 

Heute und morgen: Wo kann der Arbeitgeber ansetzen? 

Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, attraktiv zu bleiben, neue Talente zu gewinnen und bestehende Mitarbeitende zu halten. Ferienregelungen bieten hier einen oft unterschätzten Hebel. In Zeiten permanenter Erreichbarkeit ist Zeit zu einer Mangelware geworden. Wer ständig mehr als die vereinbarten 40 Stunden arbeitet, hat kaum Ressourcen für persönliche Projekte oder Erholung. Flexible Modelle zeigen Wertschätzung, stärken das Vertrauen und fördern die Loyalität. 

Ein zeitgemässes Ferienkonzept kann mehr sein als nur ein Benefit – es wird zum Teil der Employer Brand und damit zu einem Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb um Talente. Bei der Entwicklung eines solchen Modells gilt es zu berücksichtigen: Während traditionelle Statussymbole wie Karriere und Erfolg an Bedeutung verlieren, rücken Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Freizeit und soziale Kontakte immer stärker in den Fokus. 

Was echtes Abschalten braucht – und wie Arbeitgeber unterstützen können 

Damit Ferien tatsächlich erholsam sind, braucht es Rahmenbedingungen, die das ermöglichen: 

  • keine Erwartung zur Erreichbarkeit im Urlaub
  • klare Stellvertretungsregelungen
  • Verzicht auf Mails oder Anrufe während der Abwesenheit
  • Kultur des Vertrauens – Mitarbeitende sollen ohne schlechtes Gewissen in die Ferien gehen dürfen
  • Vorleben durch Führungskräfte: Wer selbst abschaltet, gibt anderen das gute Gefühl, dass auch sie dürfen. 

Modelle und Möglichkeiten: Was ist heute denkbar?

Immer mehr Unternehmen entwickeln kreative Ferienkonzepte, um individuelle Bedürfnisse, betriebliche Anforderungen und eine moderne Arbeitskultur in Einklang zu bringen. 

  • Team-Selbstbestimmung: Dabei organisiert das Team eigenverantwortlich, wer wann Ferien nimmt. Das fördert Eigenverantwortung, stärkt das Vertrauen im Team und erleichtert die Koordination – insbesondere in agilen Organisationen. Voraussetzung ist eine offene Kommunikation und eine klare Absprache der betrieblichen Mindestanforderungen.
  • Ferienkauf: Mitarbeitende können zusätzliche Ferientage kaufen. Vorteil: Die Mitarbeitenden erhalten mehr Flexibilität und können längere Auszeiten planen. Der Arbeitgeber profitiert ebenfalls, denn die zusätzlichen Ferientage werden vom Lohn abgezogen – somit entstehen keine Mehrkosten. Dieses Modell setzt ein flexibles Zeiterfassungssystem voraus und sollte klar geregelt sein.
  • Sabbaticals: Ein Sabbatical ist eine längere Freistellung vom Arbeitsalltag – meist mehrere Monate –, die alle fünf bis sieben Jahre angeboten wird. Es dient der persönlichen oder beruflichen Weiterentwicklung, Erholung oder auch dem sozialen Engagement. Für Arbeitnehmende ist es ein starkes Zeichen der Wertschätzung und kann helfen, Burn-out vorzubeugen oder Talente langfristig zu halten.
  • Lebensarbeitszeitkonten: Hierbei sparen Mitarbeitende Überstunden, Boni oder Gehaltsanteile an, um diese später in Form von Freizeit zu beziehen – etwa für eine frühere Pensionierung. Diese Modelle sind besonders attraktiv für die langfristige Planung der Work-Life-Balance und bieten ein hohes Mass an individueller Gestaltung.
  • Jobsharing & Teilzeitmodelle: Zwei (oder mehr) Personen teilen sich eine Stelle. Dies ermöglicht nicht nur flexible Ferienregelungen, sondern auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie oder Weiterbildung. Unternehmen profitieren von Wissensteilung und erhöhter Mitarbeiterzufriedenheit. 

Call to Action: Was Führungskräfte konkret tun können 

Wer ein gesundes Arbeitsumfeld fördern will, beginnt bei der eigenen Haltung. Führungskräfte sollten ihre Erwartungen transparent machen – insbesondere, dass im Urlaub keine Erreichbarkeit vorausgesetzt wird. Ebenso wichtig ist es, frühzeitig für verlässliche Stellvertretungen zu sorgen. Vertrauen entsteht nicht nur durch Worte, sondern durch Vorbild: Wer selbst abschaltet, gibt auch dem Team die Erlaubnis dazu. Und nicht zuletzt braucht es gelebte Flexibilität – durch passende Tools, klare Prozesse und eine offene Kommunikationskultur. 

Fazit: Erholung ist produktiv 

Gute Ferienregelungen sind nicht nur modern, sie zahlen sich auch wirtschaftlich aus. Erholte Mitarbeitende sind motivierter, leistungsfähiger und seltener krank. Unternehmen, die das erkennen, investieren nicht nur in ihre Mitarbeitenden – sondern in ihre eigene Zukunft.

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