26.08.2019

Bereinigung: Aussagekräftige Zahlen aus dem Abschluss nach OR erhalten

Um den gesetzlichen Vorschriften zu entsprechen, muss ein Grossteil der Schweizer KMU einen Abschluss nach den Vorschriften des Obligationenrechts (OR) erstellen. Doch die Informationen daraus eignen sich nur sehr bedingt als Grundlage für die Berechnung von aussagefähigen Erfolgs- bzw. Wertschöpfungsanalysen. Für eine Beurteilung der Wertschöpfung ist eine Bereinigung, sprich Aufbearbeitung des Zahlenmaterials unumgänglich.

Von: Gunther Kucza, Maximilian Müller  DruckenTeilen 

Prof. Dr. Gunther Kucza

Prof. Dr. Gunther Kucza ist Professor an der ZHAW School of Management and Law und Leiter Lehre für die Abteilung General Management. Seine thematischen Schwerpunkte sind Strategisches Management und Corporate Finance. Er publiziert in nationalen und internationalen Fachzeitschriften und ist Initiator des Wertschöpfungsnavigators (WSN), einem umfassenden Analysetool für KMU. Als Strategieberater und Unternehmensentwickler war er für verschiedene Unternehmen tätig. Doktoriert hat er an der Universität St. Gallen.

Dr. Maximilian Müller

Dr. Maximilian Müller ist Leiter Lehre für die Abteilung Banking, Finance, Insurance und Studiengangsleiter des Bachelors in Betriebsökonomie  an der ZHAW School of Management and Law. Er ist Dozent sowie Prüfungsexperte für Financial Accounting an der ZHAW und bei der EXPERT SUISSE im Rahmen der Wirtschaftsprüferausbildung. Während des Studiums und Doktorats an der Universität Zürich war er Assistent und Lehrbeauftragter am Institut für Rechnungswesen und Controlling.

Bereinigung

Jahresabschluss nach OR

Da das OR vor allem vom Gläubigerschutz geprägt ist und stille Willkürreserven explizit erlaubt, bestehen erhebliche Spielräume bei der Bewertung von Aktiven und Passiven. In Kombination mit dem zusätzlich bestehenden Ermessensspielraum der Unternehmensleitung kann der Jahresabschluss durch bilanzpolitische Massnahmen stark beeinflusst werden. Die so erstellten Abschlüsse gewährleisten die Grundlage zur Besteuerung, erschweren aber erheblich eine sachgerechte Interpretation der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. Für eine Beurteilung der Wertschöpfung ist eine Bereinigung, sprich Aufbearbeitung des Zahlenmaterials unmöglich. Voraussetzung für eine Bereinigung ist eine vollständige Transparenz über sämtliche mit dem Abschluss in Verbindung stehenden Informationen.

Bereinigung von Bilanz und Erfolgsrechnung

Bei der Aufbereitung der Abschlüsse sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Bilanz und Erfolgsrechnung sind zunächst um die stillen Reserven bzw. deren Veränderung in der aktuellen Periode zu bereinigen. Dies führt zu willkürfreien Bewertungen des Vermögens und der Verbindlichkeiten in der Bilanz und einer zutreffenderen Erfolgsrechnung. Auch ausserordentliche und betriebsfremde Einflüsse können den Abschluss prägen und damit eine Analyse der operativen Leistungsfähigkeit des Unter nehmens erschweren. Damit die Wertschöpfung im Kerngeschäft besser beurteilt und verglichen werden kann, sind die Abschlussinformationen dann um ausserordentliche Einflüsse und einmalige Effekte zu korrigieren. Um eine Vergleichbarkeit des operativen Geschäfts zu ermöglichen, werden danach betriebsfremde Einflüsse eliminiert.

Zudem können die Eigentümer die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens durch Transaktionen mit dem Unternehmen gestalten, was in der Summe zu erheblichen Verzerrungen führen kann. So können insbesondere die Höhe des Unternehmerlohns sowie Darlehensbeziehungen zwischen Unternehmen und Eigentümer das Zahlenwerk erheblich beeinflussen.

Um aussagekräftige Ergebnisse bei der Analyse der Wertschöpfung im Unternehmen zu erhalten, ist es aber wichtig, diese auf der Grundlage von tatsächlichen und von verzerrenden Einflüssen befreiten Werten durchführen zu können. Ebenso sollen bei der Rentabilitätsanalyse vorwiegend Aufwände und Erträge berücksichtigt werden, die eine gewisse Nachhaltigkeit mit sich bringen.

Die obigen Ausführungen zeigen, dass dies mit den Zahlen des obligationenrechtlichen Abschlusses so nicht möglich ist. Im Rahmen einer Abschlussbereinigung können daher die Bewertungen den tatsächlichen Gegebenheiten angepasst, Transaktionen mit den Eigentümern herausgerechnet, bzw. auf ein normalisiertes Niveau gebracht und betriebsfremde und ausserordentliche Einflüsse eliminiert werden. Der bereinigte und normalisierte Abschluss eignet sich dann gut als Grundlage für die Berücksichtigung des unternehmerischen Risikos und damit für eine weiterführende Wertschöpfungsanalyse. In der Folge wird eine systematische Bereinigung vorgeschlagen.

Stille Reserven

Das im Obligationenrecht vorherrschende Vorsichtsprinzip verbietet es, bilanzierte Vermögenswerte zum einen zu hoch und ausstehende Verbindlichkeiten zum anderen zu tief anzusetzen. Umgekehrt ist es aber möglich, Aktiven bewusst zu tief bzw. Verbindlichkeiten ausdrücklich zu hoch anzusetzen. Wird von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, beispielsweise die Vorräte stärker als wirtschaftlich notwendig abzuschreiben, werden stille Reserven gebildet. Dieses häufig aus steuerlichen Überlegungen angewendete Vorgehen führt zu einer Verschlechterung des Unternehmensergebnisses und somit zu einer Abnahme des Eigenkapitals. Die in Bilanz und Erfolgsrechnung gezeigten Werte entsprechen nicht mehr der tatsächlichen Vermögens- und Finanz- und Ertragslage des Unternehmens.

Für die Bereinigung der stillen Reserven werden sämtliche Positionen der Bilanz mit ihrem tatsächlichen Wert verglichen und bei Abweichungen entsprechend angepasst. Bei bereits vor der Beobachtungsperiode gebildeten stillen Reserven erfolgt dabei eine erfolgsneutrale Korrektur der Bilanzposition mit dem Gegenkonto «Reserven». Sind in der Beobachtungsperiode hingegen stille Reserven gebildet oder aufgelöst worden, betrifft die Korrektur neben dem entsprechenden Bilanzkonto das dazugehörige Konto der Erfolgsrechnung. Nach Abschluss der Bereinigung der stillen Reserven ergeben sich willkürfreie Bewertungen und ein korrigierter Unternehmenserfolg, wodurch die Abschlussinformationen deutlich an Aussagekraft gewinnen.

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Darlehensbeziehungen mit Eigentümern

Wenn Unternehmen Geld an Dritte verleihen, geschieht dies häufig in Form eines Darlehens, das auf der Aktivseite der Bilanz verbucht wird. Die erhaltenen Zinsen erhöhen als Finanzertrag den Gewinn. Nimmt das Unternehmen hingegen ein Darlehen auf, so wird dieses in der Bilanz als Fremdkapital berücksichtigt und die gezahlten Zinsen werden als Finanzaufwand in der Erfolgsrechnung erfasst. Eine besondere Situation ergibt sich, wenn eine Darlehensbeziehung zwischen Eigentümer und Unternehmen besteht. In diesem Fall kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Darlehensaufnahme oder -gewährung zu Marktkonditionen erfolgt, da der Eigentümer selbst die geschäftliche Gegenpartei ist. Im Rahmen solcher Darlehensbeziehungen zwischen Unternehmen und Eigentümer besteht erheblicher Gestaltungsspielraum, der neben dem Zinserfolg in der Erfolgsrechnung vor allem das Finanzierungsverhältnis stark beeinflussen kann. Um den Abschluss in diesem Zusammenhang von Verzerrungen zu bereinigen, werden Darlehensbeziehungen mit Eigentümern, welche nicht zu marktüblichen Konditionen vereinbart wurden, im Fremdkapital konsequent eliminiert und dem Eigenkapital zugeordnet. Zudem werden in diesem Zusammenhang gezahlte oder erhaltene Zinsen im Finanzerfolg der Erfolgsrechnung korrigiert.

Betriebsfremde Einflüsse

Der betriebliche Bereich eines Unternehmens umfasst sämtliche Tätigkeiten, die mit dem Unternehmenszweck oder dem operativen Geschäft in Verbindung stehen. Der nicht betriebliche oder betriebsfremde Bereich beinhaltet dagegen alle sonstigen Tätigkeiten. Bei Schweizer KMU sind vor allem nicht betrieblich genutzte Immobilien von besonderer Bedeutung, da diese häufig anzutreffen sind und einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf den Abschluss haben. Die vermieteten Liegenschaften sind als nicht betriebliches Vermögen zu klassifizieren. Bei einer im Kontext der Finanzierung dieser Liegenschaft aufgenommenen Hypothek handelt es sich um betriebsfremdes Fremdkapital. Sämtliche Aufwendungen und Erträge, die direkt oder indirekt aus dem angesprochenen Vermietungsgeschäft resultieren, sind ebenfalls dem betriebsfremden Bereich zuzuordnen.

Bei einer Wertschöpfungsanalyse steht vor allem die betriebliche Tätigkeit im Zentrum. Da betriebsfremde Tätigkeiten den Abschluss unter Umständen stark verzerren können, werden im Rahmen der Abschlussbereinigung sämtliche betriebsfremde Einflüsse konsequent eliminiert.

Ausserordentliche Aufwände und Erträge

Unter ausserordentlichen Aufwänden und Erträgen sind solche Positionen zu verstehen, die nur einmalig oder sehr unregelmässig anfallen. Einmalige Restrukturierungsaufwendungen gehören ebenso in diese Kategorie wie z.B. die Kosten für die Wiederherstellung der IT-Infrastruktur nach einem Hackerangriff. Für Rentabilitäts- und Wertschöpfungsanalysen sind aber vor allem solche Erträge relevant, die mit grosser Wahrscheinlichkeit wiederkehrend, also nachhaltig sind. Aus diesem Grund werden bei der Bereinigung sämtliche ausserordentliche Aufwands- und Ertragspositionen eliminiert.

Unternehmerlohn

Als Vergütung für die Mitarbeit im eigenen Unternehmen kann sich der Eigentümer einen Unternehmerlohn auszahlen. Da er aufgrund seiner Stellung im Unternehmen selbst über die Höhe des Unternehmerlohns entscheiden kann, besteht bei der Festsetzung der Lohnhöhe ein entsprechend grosser Spielraum. Um im Rahmen der Wertschöpfungsanalyse zu ermitteln, ob die Arbeit im eigenen Unternehmen fair entschädigt wird,ist es sinnvoll, einen kalkulatorischen Unternehmerlohn zu ermitteln. Dieser sollte sich daran orientieren, welchen Lohn ein neutraler Dritter fairerweise für diese Arbeit erhalten würde. Dabei sind verschiedene Ansätze zur Ermittlung des kalkulatorischen Lohns denkbar. Eine Möglichkeit wäre es, die vom Eigentümer geleisteten Arbeitsstunden mit einem Stundensatz zu multiplizieren. Ein pauschaler branchenadjustierter durchschnittlicher Geschäftsführerlohn oder eine Vergütung in Abhängigkeit von der Umsatzhöhe wäre ebenfalls vorstellbar.

Bei der Abschlussbereinigung erfolgt dann ein Vergleich des kalkulatorischen Unternehmerlohns mit dem tatsächlich ausbezahlten Unternehmerlohn. Bei einer Abweichung ist der Unternehmerlohn im bereinigten Abschluss an den kalkulatorischen Unternehmerlohn anzupassen.

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