22.03.2016

Schwierige Gespräche führen: Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden

Auch wenn man nicht gerne darüber spricht: viele Menschen leiden an psychischen Beeinträchtigungen. In Umfragen und Studien wird deren Anteil an der Bevölkerung auf 25–30% geschätzt; bei 3 von 4 wäre eine Therapie angesagt – die oft nicht stattfindet. Knapp die Hälfte der Neuanmeldungen bei den IV-Stellen beruht auf psychischen Erkrankungen. Erfahren Sie mehr, wie Sie als HR-Ansprechperson bei schwierigen Gesprächen aufgrund psychischer Erkrankungen vorgehen könnten.

Von: Dr. med. Rolf Victor Heim, Dr. rer. soc. Carin Mussmann   Drucken Teilen   Kommentieren  

Dr. med. Rolf Victor Heim

Der gebürtige St. Galler studierte in Zürich Medizin mit Spezialisierung in Psychotherapie, Psychiatrie und Coaching mit systemischer Ausrich­tung. Nach seiner klinischen Tätigkeit arbeitete er von 2000 bis 2010 am Institut für Arbeitsmedizin, Baden, im Bereich Gesundheitsförderung, Führungsschulung, Teamentwicklung und Psychotherapie. Seit 2008 führt er in Holderbank AG eine eigene Praxis und berät Unternehmen im Umgang mit psychisch kranken Mitarbeitenden. Heim ist Autor mehrerer Publikati­onen zum Thema Burnout, Gesundheitsförderung, Führung und Mindness.

Dr. rer. soc. Carin Mussmann

Dr. rer. soc. Carin Mussmann studierte Arbeits- und Organisationspsy­chologie an der Universität Bremen und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ETH Zürich. Als Sozialpädagogin leitete sie zu­vor ein Jugendzentrum. Zusatzausbildungen erfolgten in Integrativer Psychotherapie, Körperarbeit, systemischer Beratung. In Wien schloss sie den Master in Coaching und lösungsorientiertem Management ab. Heute ist sie selbständig als Dozentin, Beraterin und Coach im Bereich Lehrsupervision, Führung, Beratung und Supervision. Sie verfasste diverse Publikationen zu Gesundheits­forschung, Arbeitsgestaltung, Führungsfragen und Gruppenlehrsupervision.

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Schwierige Gespräche führen

Schwer verständliche Symptome

Im Arbeitsalltag bedeuten psychische Beeinträchtigungen in erster Linie erschwerte Kommunikation mit den Betroffenen sowie reduzierte Arbeitsleistung und Zuverlässig­keit. Die Konsequenzen sind stärkere Belastung der Kollegen (emotional und bezüglich Arbeitsvolumen), Mehraufwand bei Vorgesetzten (falls sie ihre Führungsaufgabe wahrnehmen) wie auch beim HR. Entsprechend ist die Devise klar: Bei Veränderungen gilt es, diese so rasch wie möglich anzusprechen. Viele Vorgesetzte oder HR-Fachleute haben Angst, etwas Falsches zu sagen – und sind sich dabei nicht bewusst, dass ihr Nicht-Handeln sie teuer zu stehen kommen kann.

Über psychische Krankheiten oder Beeinträchtigungen wird im Alltag oft sehr emotional diskutiert. Die Symptome sind für Laien wenig messbar und kaum begreifbar. Man sieht die Krankheit den Betroffenen von aussen in der Regel nicht an, oft wissen diese selbst nicht, woher sie kommt. Ganz zu schweigen davon, wie sie damit umgehen sollen. Generell gilt für psychische Krankheiten: Betroffene und deren Umgebung (auch Personalfachleute und Vorgesetzte), oft sogar Ärzte und Therapeuten sind überfordert. Entsprechend reagieren die meisten Menschen ganz typisch darauf: mit Verdrängung.

Ursache

Als Grundlage für das Verständnis von psychiatrischen Krankheitsbildern dient das Wissen über mögliche Störungen. Natürlich geht es hier nicht um einen Kurzlehrgang in Psychologie. Um aber Veränderungen bei Mitarbeitenden erkennen zu können, hilft es, wenn man eine Idee hat, worauf zu achten ist. Darum werden im Folgenden einige psychische Funktionen mit ihren möglichen Störungen umrissen, die am Arbeitsplatz von Bedeutung sind und die Sie beobachten können.

Der Einfachheit halber unterscheiden wir zwischen aktiven und passiven psychischen Funktionen. Aktiv im Sinne von produktiv sind Denken, Fühlen und (Sozial-)Verhalten resp. Handlungsimpulse (Antrieb). Passiv sind (Ich-)Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit und Reizwahrnehmung (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, Schmerz- und Temperaturempfindung). Die Reizverarbeitung ist bereits wieder ein aktives Geschehen. Dies mutet auf den ersten Blick eigenartig an, lässt sich aber einfach erläutern: Obwohl ein Mensch völlig gesund ist, nimmt er bei starker Konzentration auf eine Sache (z.B. Lesen) seine Umgebung eingeschränkt wahr – unter Umständen reagiert er nicht einmal, wenn er angesprochen wird. Seine Reizwahrnehmung ist vollständig intakt, der Inhalt wird aber gefiltert.

Wichtig: Es braucht es kein Psychologiestudium, kein klinisches Praktikum oder hellseherische Fähigkeiten, um erfolgreich mit Menschen mit psychischen Problemen umgehen zu können. Erforderlich sind vielmehr praktische Qualitäten und Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Mut, Geduld. Und wenn möglich Wertschätzung und die Fähigkeit, ein Gespräch zielorientiert führen zu können.

Nun können in allen genannten Bereichen Störungen auftreten. Bei schweren psychischen Störungen sind jeweils mehrere Funktionen betroffen (z.B. Depression: Fühlen, Denken, Handlungen, Antrieb, Reizverarbeitung). Die folgende Darstellung soll einen oberflächlichen, nicht abschliessenden Eindruck vermitteln:

Psychische Funktionen und ihre Störung
Denken ➞ Manie, Schizophrenie, Depression, Persönlichkeitsstörungen
Fühlen ➞ Depression, Ängste, Manie
Handeln, Impuls, Antrieb ➞ Zwänge, Süchte, Depression
Bewusstsein/Orientierung ➞ Substanzmissbrauch, Schizophrenie, Manie
Reizverarbeitung ➞ Schizophrenie, Manie, Depression

Krankheiten werden bei uns nach dem System der WHO eingeteilt. Auch mit diesem Wissen geht es nicht darum, Betroffene zu therapieren, sondern um ihnen mit Verständnis zu begegnen, das nicht nur auf Empathie und Intuition, sondern auch auf medizinischen Erkenntnissen beruht.

Betriebliche Praxis psychische Erkrankungen: nach Anhaltspunkten suchen

Am Anfang jedes erfolgreichen Gesprächs steht die sorgfältige Vorbereitung. Wobei auch gesagt werden muss, dass diese nicht Wochen oder Monate dauern darf. Wichtig ist die eigene, persönliche Einschätzung, basierend auf aufmerksamer Beobachtung, Lebens-und fachlicher Erfahrung und, man staune, Intuition oder «Bauchgefühl». Die meisten Fachleute, die gerne mit Menschen arbeiten, haben tatsächlich nachweisbar einen guten Riecher für die Befindlichkeit des Gegenübers. Diese Fähigkeit soll unbedingt miteinbezogen werden. Somit kann es zu Beginn genügen, zu spüren, dass sich etwas verändert hat. Diese Wahrnehmung bringt einen dazu, im Alltag nach objektivierbaren Anhaltspunkten für Veränderungen zu suchen. Wie erwähnt wird im beruflichen Alltag oft zu lange gewartet.

Praxis-Tipp:
Zur Sorgfalt gehört nun, dass man die gesammelten Eindrücke in Ruhe sortiert und sich so einen Überblick verschafft:
Was hat man beobachtet?
Seit wann bestehen die Veränderungen?
Welche Fragen drängen?
Welche Befürchtungen/Ängste tauchen auf?

Wichtig:
Es geht nie darum, eine Diagnose zu stellen. Es geht darum, zu reagieren und zu handeln. Und im Alltag bedeutet dies: das Gespräch und nach Unterstützungsmöglichkeiten suchen. Ebenso klar ist, dass der Betrieb keine Therapie bieten kann; therapeutische Versuche seitens HR oder Vorgesetzten sind zu unterlassen.

Umgang mit akuten Veränderungen

Einige der genannten Veränderungen erfordern ein rasches Vorgehen wegen Selbstgefährdung (seltener Fremdgefährdung). Je nach Schweregrad genügt es, die Betroffenen in die familiäre Obhut zu geben (Betreuung zu Hause), wobei der Transport in diese Obhut gewährleistet sein muss. Häufig können die Betroffenen von Freunden oder Angehörigen abgeholt werden. Reicht dies nicht aus, bringt man die Betroffenen zu einem Arzt (Hausarzt, Betriebsarzt, Notfall im Spital) oder lässt im schlimmsten Falle die Ambulanz kommen. Auch wenn die unten genannten Situationen nicht oft auftreten im Berufsleben von Vorgesetzten oder Personalfachleuten: Sind sie einmal da, ist man froh um eine Idee, was zu tun ist.

Bewusstseinsveränderungen

Benommenheit, Verwirrtheit, eingeschränkte Ansprechbarkeit. Treten im Rahmen von schweren psychischen (Substanzkonsum, Psychosen) oder auch körperlichen (Infekti­onen, Stoffwechsel, Kreislauf) Störungen auf. Vorgehen: Je nach Ausmass der Störung Betroffene zum Arzt bringen oder Ambulanz kommen lassen – nicht alleine nach Hause entlassen!

Orientierungsstörungen

Die Orientierung umfasst die Bereiche Zeit, Raum, Situation und die eigene Person. Am offensichtlichsten ist die Desorientierung bei einer psychotischen Störung (Manie, Schi­zophrenie). Vorgehen: Betroffene zum Arzt bringen, nur u.U. in familiäre Obhut – nicht alleine nach Hause entlassen!

Sinnestäuschungen

Hierzu gehören an erster Stelle die Halluzinationen. Auch sie sind Ausdruck einer schwe­ren Störung (psychisch oder körperlich), erfordern aber nicht zwangsläufig eine notfallmässige Intervention. Vorgehen: Je nach Ausmass der Störung Betroffene zum Arzt brin­gen oder bei bekannter Betreuung (Familie/Freunde) nach Hause entlassen (Achtung: nicht alleine lassen).

Denkstörungen

Das Denken ist bei allen psychischen Störungen betroffen. Einfache Denkstörungen sind z. B. die Einengung auf ein Problem, die Betroffenen können sich schlecht auf etwas anderes konzentrieren (u.a. bei Depression, Burnout, Angst); diese erfordern kein notfallmässiges Vorgehen. Komplexere Störungen treten u.a. im Rahmen von Psychosen auf (z.B. bei Ma­nie, Schizophrenie). Insgesamt sind diese Störungen selten; der Umgang damit ist aber besonders anspruchsvoll. Man unterscheidet formale und inhaltliche Denkstörungen. Letztere können sich zu Wahnsystemen ausweiten. Betroffene wähnen sich beispielsweise verfolgt oder denken, sie seien für die Gesellschaft besonders wichtig. Auch können Vor­gänge, Gegenstände oder Ereignisse neue Bedeutungen erhalten (z.B. über Steckdose hören Ausserirdische mit/der neue Bürostuhl sorgt dafür, dass der/die Betroffene schneller arbeitet).

Begleitung über längere Zeit

Als Bestandteil einer umfassenden Rehabilitation spielt der Arbeitsplatz eine zentrale Rolle. Als Möglichkeit, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen und Anerkennung sowie Bestätigung zu erhalten, zur Pflege von sozialen Kontakten, und auch ganz generell zur Erhaltung einer Tagesstruktur.

Im Rahmen der Gesundheitsförderung oder von IV-Massnahmen haben wir schon oft erlebt, dass eine erfolgreiche Integration auf dem gegenseitigen Informationsaustausch beruhte. Somit fällt es auch leichter, dass die unterschiedlichen Stellen am selben Strick in dieselbe Richtung ziehen. Oft besitzen ebenso Vorgesetzte wertvolles Wissen, das den Therapeuten dienen kann, die Begleitung zu optimieren.  

Wichtig: Hilfreich ist, wenn Vorgesetzte und Personalfachleute die Erlaubnis erhalten, mit dem/ der Therapeut/-in Rücksprache nehmen zu können. Auf diese Weise werden diese wichtigen Kontaktpersonen ihrerseits unterstützt bei dieser mitunter schwierigen Aufgabe.

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