21.06.2016

Bossing: Macht und Ohnmacht am Arbeitsplatz

Bossing – ein Parallelbegriff zu Mobbing; er wird dann verwendet, wenn nicht Mitarbeitende oder Arbeitskollegen, sondern Vorgesetzte und Führungskräfte mobben. Gemäss neueren Forschungsergebnissen waren bei fast der Hälfte aller untersuchten Fälle die Chefs die Verursacher. Vielfach mangle es in den Führungsetagen an der nötigen Sozialkompetenz.

Von: Alex Müller   Drucken Teilen   Kommentieren  

Alex Müller

Alex Müller war nach längeren Auslandaufenthalten als Personalverantwortlicher bei einer grösseren Bank und später als HR-Leiter einer psychiatrischen Universitätsklinik tätig, wo er reiche Erfahrungen in allen Sparten des Personalmanagements sammeln konnte. Heute arbeitet er als freier Fachautor und Publizist sowie als selbstständiger Berater von Führungskräften, mit Schwerpunkt Out-/Newplacement.

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Bossing

Was heisst Mobbing/Bossing?

Mobbing ist mittlerweile hinlänglich erforscht und bekannt. Mit einer Meinungsverschiedenheit am Arbeitsplatz, einer konstruktiv-kritischen Standortbestimmung oder einer strengen Leistungsbeur­teilung hat es wenig oder nichts Gemeinsames. Vielmehr handelt es sich dabei um systematischen Psychoterror am Arbeitsplatz, der grundsätzlich jede und jeden treffen kann.

Zur Erinnerung der Versuch einer Definition:

  • Mobbing stammt vom englischen Verb «to mob» = pöbeln, über jemanden herfallen, sich auf jemanden stürzen.
  • Die Spannweite des Mobbing reicht vom harmlos anmutenden Tratsch und Klatsch über die Verbreitung von Gerüchten und Halbwahrheiten bis zur hässlichen Intrige, zur gezielten De­montage und zum Rufmord.
  • Auslöser sind oft kleine, ja geradezu banale Probleme des Berufsalltag.
  • Die Wortschöpfungen Mobbing und auch Bossing sind – leider – zu festen Begriffen geworden.
  • Mobbing kann nicht nur vom Kollegenkreis, sondern auch vom Chefsessel aus kommen, dann spricht man von Bossing.
  • Die dabei eingesetzten, oft subtilen Taktiken bestehen in einer bewussten Unterforderung, aber auch Überforderung und einem Abqualifizieren (gute Leistungen werden ignoriert, Fehler aufgebauscht).
  • Schliesslich wird das in die «Schusslinie» geratene Opfer kaltgestellt.
  • Dabei spielen auch Neid, Rivalität und massloser Ehrgeiz eine nicht unbedeutende Rolle, ver­bunden mit der Zwangsvorstellung, andere stets übertrumpfen zu müssen.

Zu viele Vorgesetzte wollen die Alarmzeichen von Bossing am Arbeitsplatz nicht wahr­nehmen

Mobbing und Bossing können zu beträchtlichen gesundheitlichen Schäden wie Bluthochdruck, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, aber auch zu Depressionen, Angstzuständen und noch zu weit Schlimmerem führen. Deshalb befassen sich Universitäten, Arbeitspsychologen, Psychotherapeuten und Ärzte mit dessen Folgen als «extremer Form von sozialen Stressoren». Mobbing kann aber auch zur Lähmung von ganzen Arbeitsteams und damit verbundenen beträchtlichen Leistungsein­bussen führen. Zu viele Vorgesetzte mit zu wenig sozialer Kompetenz wollen diese unmissver­ständlichen Alarmzeichen nicht wahrnehmen, vor allem dann nicht, wenn sie selbst die Täter – sprich die Mobber – sind!

Ein Praxisbeispiel aus meiner Outplacement-Tätigkeit

(mit Bossing-Hintergrund)

Nicht Outplacement, sondern Newplacement – Neuorientierung – ist der Schwerpunkt meiner Kar­riereberatung und -begleitung. Der Fokus ist also bereits auf die Zukunft gerichtet. Vorgängig dazu muss allerdings die Vergangenheit – im vorliegenden Fall war es Bossing – bewältigt werden. Es ging also um die psychische Aufarbeitung des Problems, mit dem Ziel, dem Klienten eine neue Berufs- und Lebensperspektive zu vermitteln.

Ich konzentriere mich in meiner Schilderung auf ein paar Eckpunkte dieses Falles, den ich aus Dis­kretionsgründen im Ablauf verändert habe. Die Quintessenz sei vorweggenommen: Es ging um den Machtkampf zweier «Alphatiere», den der in der Hierarchie weiter oben stehende Akteur nach meiner Einschätzung mit unfairen und diffus anmutenden Mitteln zu seinen Gunsten entschied. So wollte der neue Direktor seinem Vize deutlich zeigen, dass er nun das «Sagen» hätte und mischte sich gemäss glaubhaften und überprüften Aussagen meines Klienten in der Folge mehr und mehr in dessen ureigensten Bereich ein – das Human Resources Management.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis dem menschlich und fachlich sehr gut qualifizierten Per­sonalleiter «der Kragen platzte». Sein aufgestauter Frust äusserte sich in einer (über)deutlichen verbalen Reaktion an die Adresse des obersten Vorgesetzten. Nun setzte dieser sein ganzes Re­gister der miesen und fiesen Techniken und Methoden ein, die ein Bossing ausmachen: Insze­nierung von Intrigenspielen (die nur schwer zu durchschauen sind), Verbreitung von Halbwahr­heiten (die oft schlimmer sind als Lügen), bewusste Unterforderung (Wegnahme von Schlüsselaufgaben) etc. Diese Grabenkämpfe zehrten an der Psyche des sensiblen und bisher er­folgreichen Personalleiters, der auch in Kollegenkreisen wegen seiner grossen Kompetenz sehr geschätzt wurde. So wandte er sich an mich, um aus der für ihn schwierig gewordenen Situation herauszufinden.

«Second Career» als Antwort auf das Bossing am Arbeitsplatz

Nachdem ich meinem Klienten gut zugehört hatte (was gar nicht so einfach war und viel Aufmerk­samkeit und Geduld erforderte), ging es an die psychische Aufarbeitung der Nachwirkungen dieses «Mobbings von oben». Erst dann begannen wir gemeinsam mit der eigentlichen Evaluation, die eine Ist-Aufnahme, eine Karrierebilanz und eine Potenzialanalyse beinhaltete.

Blick in die Zukunft

Im Verlaufe des Gesprächs war mir bald klar geworden, dass dieser Fall von besonders ausge­prägtem Bossing bereits zu stark fortgeschritten war, um noch nach einer innerbetrieblichen Lö­sung zu suchen. Allerdings riet ich meinem Klienten wegen der ungewissen Erfolgsaussichten (schwierige Beweisführung) von einem gerichtlichen Vorgehen ab. Vielmehr konnte ich ihn über­zeugen, sich auf seine Stärken zu besinnen und mit meiner Unterstützung auf dem Stellenmarkt aktiv zu werden – mit Erfolg, wie sich sehr bald herausstellen sollte.

Aufgrund seiner herausragenden Kompetenzen im gesamten HR-Bereich, seines Organisations­talents sowie seiner ausgezeichneten Fremdsprachenkenntnisse wurde ihm die leitende Position des HR-Gesamtleiters eines internationalen Unternehmens mit Filialen in Europa, Nord- und Süd­amerika und Asien übertragen – eine vielfältige und anforderungsreiche Führungsaufgabe, die er heute noch mit viel Engagement, Überzeugung und Erfolg wahrnimmt.

Mein persönlicher Umgang mit Macht

Mit Macht habe ich keine Probleme, wenn neben natürlicher Autorität Führungs-, Sozial- und Fach­kompetenz dahinter stehen. Natürlich weiss ich aus eigener Erfahrung, dass es Situationen im Führungsalltag gibt,  wo man aufgrund seiner Funktion ein Machtwort aussprechen muss. Dabei habe ich im Verlauf meiner HR-Karriere immer wieder erlebt, dass Machtausübung, die klar kom­muniziert wird, bessere Akzeptanz findet als unübersichtliche und undurchsichtige Entscheidungs­wege.

Bossing war aber nie und ist nie ein geeignetes Mittel zur Ausübung von Macht. Mobbing von oben oder eben Bossing kennt auch keine Landesgrenzen.

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