17.01.2022

Bossing: Macht und Ohnmacht am Arbeitsplatz

Werden Konflikte ganz gezielt eingesetzt, um Kollegen zu schaden, spricht man von Mobbing (engl.: "über jemanden herfallen"). Meist greift dann eine Gruppe von mehreren Mitarbeitern einen unliebsamen Arbeitskollegen auf unfaire Weise, aber zielgerichtet an.

Von: Matthias K. Hettl   Drucken Teilen  

Dr. Matthias K. Hettl

Der studierte Volks- und Betriebswirt war nach Studium und Doktorandenzeit erst Assistent der Geschäftsführung und danach in verschiedenen Managementpositionen mit Führungs- und Budgetverantwortung tätig. Als ausgezeichneter «excellent speaker» und «excellent trainer» gehört er zu den bedeutendsten Referenten im deutschen Sprachraum und ist für die TOP-Seminar- und Kongressveranstalter in Europa tätig. Er begeistert seine bisher 25 000 Zuhörer durch einen motivierenden und kompetent direkten Vortagsstil mit 1:1 einsetzbaren Praxistipps. Seine Veranstaltungen werden regelmässig mit Bestnoten bewertet.

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Bossing

Mobbing erfolgt in einer Grauzone zwischen erlaubten und verbotenen Handlungen: Das Opfer wird von seinem Umfeld ignoriert, vor anderen bloßgestellt oder verspottet, systematisch von Informationen abgeschnitten oder in seinen Leistungen negiert. Nicht zuletzt werden Gerüchte in Umlauf gesetzt, um die Persönlichkeit des Opfers und seine Privatsphäre zu verletzen.

Doch Vorsicht: Eine inflationäre Begriffsverwendung hat dazu geführt, dass nahezu jedes soziale Problem am Arbeitsplatz mit Mobbing gleichgesetzt wird. Mobbing bezeichnet jedoch eine genau einzugrenzende Form des arbeitsplatzbezogenen Psychoterrors. Nach der Definition der Gesellschaft gegen psychosozialen Stress und Mobbing e. V. versteht man unter Mobbing am Arbeitsplatz eine konfliktbelastete Situation, bei der die betroffene Person von einer oder mehreren anderen Personen

  • systematisch,
  • mindestens einmal in der Woche
  • und mindestens während eines zusammenhängenden halben Jahres,

mit dem Ziel und/oder Effekt des Ausschlusses aus dem gemeinsamen Tätigkeitsbereich, direkt oder indirekt angegriffen wird. Wird ein solches Verhalten von Vorgesetzten initiiert oder akzeptiert, spricht man von Bossing.

Inhaltlich wird Mobbing über ein Spektrum von 45 verschiedenen Handlungen definiert, mit denen das Opfer konfrontiert wird. Die folgende Checkliste nach dem ‚Leymann Inventory of Psychological Terror (UPT)’ – soll Ihnen dabei helfen, festzustellen, ob Sie an Ihrem Arbeitsplatz von Mobbing betroffen sind.

Checkliste: Mobbing

Waren Sie in den letzten sechs Monaten von einigen der folgenden Handlungen betroffen?

1. Sie werden schlecht gemacht und in Ihren sozialen Kontakten behindert

  • Ihr Vorgesetzter schränkt Ihre Möglichkeiten ein sich mitzuteilen.
  • Kollegen und/oder Mitarbeiter schränken Ihre Möglichkeiten ein sich mitzuteilen.
  • Sie werden ständig unterbrochen.
  • Man schreit Sie an, schimpft laut mit Ihnen.
  • Ihre Arbeit wird ständig kritisiert.
  • Ihr Privatleben wird ständig kritisiert.
  • Sie werden durch anonyme oder belästigende Anrufe (Telefonterror) unter Druck gesetzt.
  • Sie erfahren abwertende Blicke und/oder Gesten mit negativem Inhalt.
  • Man macht Andeutungen. ohne dass Sie direkt angesprochen werden.

2. Sie werden systematisch isoliert

  • Man spricht nicht mit Ihnen.
  • Man will von Ihnen nicht angesprochen werden.
  • Sie werden an einem Arbeitsplatz eingesetzt an dem Sie von Kollegen isoliert sind.
  • Den Kollegen wird verboten mit Ihnen zu sprechen.
  • Sie werden "wie Luft" behandelt.

3. Ihre Arbeitsaufgaben werden geändert um Sie zu bestrafen

  • Sie werden ständig zu neuen Arbeitsaufgaben eingeteilt.
  • Sie erhalten Arbeitsaufgaben die weit unter Ihrem Können und/oder Ihrer Qualifikation liegen.
  • Sie erhalten Arbeitsaufgaben die Sie aufgrund fehlender Erfahrung und/oder Qualifikation weit überfordern.
  • Sie bekommen sinnlose Arbeitsaufgaben zugewiesen.
  • Sie werden für gesundheitsgefährdende Arbeitsaufgaben eingesetzt.
  • Sie bekommen keine Arbeitsaufgabe zugewiesen und sind während Ihrer Arbeit ohne Beschäftigung.

4. Sie werden in Ihrem Ansehen herabgewürdigt

  • Man spricht hinter Ihrem Rücken schlecht über Sie.
  • Man verbreitet Gerüchte über Sie.
  • Man macht Sie vor anderen lächerlich.
  • Man verdächtigt Sie psychisch krank zu sein.
  • Man imitiert Ihren Gang und/oder Ihre Stimme und/oder Ihre Gesten um Sie lächerlich  zu machen.
  • Man greift Ihre Herkunft an und macht sich darüber lustig.
  • Man beurteilt Ihre Arbeit in falscher und/oder kränkender Weise.
  • Man stellt Ihre Meinung infrage.
  • Man belästigt Sie in sexueller Weise und/oder macht sexuelle Anspielungen

5. Sie werden bedroht

  • Man droht Ihnen mit körperlicher Gewalt.
  • Jemand verursacht Ihnen Kosten, um Ihnen zu schaden.
  • Jemand richtet an Ihrem Arbeitsplatz und/oder Zuhause Schaden an.

Sollten Sie von einigen der aufgeführten Handlungen wenigstens einmal in der Woche und über ein halbes Jahr hinweg betroffen sein, dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Sie es mit Mobbing zu tun haben.

Hat sich dieser Eindruck bestätigt, so nutzen Sie die Möglichkeiten unternehmensinterner und/oder -externer Hilfsangebote. Mit Sicherheit finden Sie professionelle Unterstützung bei einem Arzt, Psychologen oder auch Rechtsanwalt Ihres Vertrauens.

Mobbing und Bossing ist ein schleichender Prozess

Mobbing oder Bossing kann sich über Monate oder Jahre hinziehen. Es handelt sich nicht um einen einmaligen Konflikt, sondern um einen längerfristigen Prozess. Dieser erfolgt zumeist in fünf Phasen:

  1. Der Grund für das Phänomen Mobbing oder Bossing ist in der Regel ein nicht oder nur schlecht bearbeitetes Problem. Ein einfacher Konflikt – wird er nicht gelöst – entwickelt eine eigene Dynamik. Es kommt zu ersten, manchmal wechselnden Angriffen zwischen den Betroffenen. Ein Opfer kristallisiert sich heraus.
  2. Die Angriffe konzentrieren sich auf eine Person, werden häufiger und intensiver. Psychoterror entsteht. Beim Opfer kommt es zu Kränkungen und damit zur Abnahme des Bewältigungsvermögens. Das Opfer wird immer mehr – auch für Dritte erkennbar – in seine Rolle verstrickt. Die Situation des Opfers wird zum "Fall" – und damit betriebsöffentlich.
  3. Die Entwicklung eskaliert. Rechtsbrüche und Kränkungen nehmen zu. Beim Opfer entsteht Verzweiflung. Es sucht ärztliche oder psychologische Hilfe. Depressionen und Aggressionen wechseln sich ab. Das Opfer fühlt sich nicht mehr akzeptiert und ausgeschlossen.
  4. Der Weg zur Ausgrenzung ist beschritten. Das Opfer wird so auffällig, dass sich der Arbeitgeber mit ihm beschäftigt. Während das Opfer verzweifelte Versuche zur Wiederaufrichtung seines Selbstwertgefühls unternimmt, wird die Meinung über seine Auffälligkeit festgeschrieben. Durch Abschieben, Kaltstellen oder Versetzung wird die Beendigung des Arbeitsverhältnisses vorbereitet.
  5. Das Opfer verlässt das Unternehmen. In manchen Fällen erhält es eine Abfindung. Versuche, diese Erfahrungen in der Zeit danach zu bewältigen, bleiben zumeist ohne Erfolg. Nicht selten sind Arbeitslosigkeit und das Auseinanderbrechen langjähriger Partnerschaften die Folge.

Selbstwertgefühl und Handlungsfähigkeit wiederherstellen

Mobbing oder Bossing ist ein gravierender Angriff auf die Persönlichkeit und es nagt am Selbstwertgefühl. Gedanken der Fassungslosigkeit, Ohnmacht und Angst machen sich breit. Gemobbte fühlen sich als hilfloses Opfer. Sie drehen sich im Kreis und wissen nicht, was sie tun sollen. Der Gemobbte zweifelt an sich selbst und fragt sich,  ob an den Vorwürfen des Mobbers doch etwas dran ist. Am Ende glaubt er vielleicht sogar, dass er selbst etwas falsch gemacht habe oder den Mobber zu seinen Handlungen provoziert hat.

Sollten Sie sich selbst die Schuld für das, was passiert ist zuweisen, ist es wichtig, dass Sie wieder klar sehen, Ihr Selbstwertgefühl stärken und Ihr Selbstbewusstsein aufbauen bzw. wiederherstellen. Damit gewinnen Sie auch Ihre Handlungsfähigkeit wieder zurück.

Denken Sie manchmal „Da kann man halt nichts machen!“, oder „Mir ist nicht zu helfen, der sitzt doch sowieso am längeren Hebel“ oder „Niemand versteht mich …“  Dann geht es Ihnen so wie vielen Menschen, denn es ist wohl eine der verbreitetsten Gewohnheiten der Menschheit, die Verantwortung an andere abzugeben. Leicht findet sich jemand, der an allem Schuld ist und uns zu Leidenden macht. Leiden ist leichter als Handeln. Viele Menschen, die unter diesem Ohnmachtsgefühl leiden, sehen sich ausschließlich als Opfer ihrer sehr unerfreulichen Lebensumstände. Es ist ihnen nicht mehr möglich, aus dem Hamsterrad des negativen Gedankenkreislaufs auszubrechen.

Opferrolle vermeiden

Einige empfinden auch Wut und Zorn darüber, wenn man ihnen sagt, es läge ganz allein in ihrer Verantwortung, sich jetzt zu entscheiden, wer sie sein wollen. Überlegen Sie, ob Sie sich nicht aus Angst vor Konflikten, die das Handeln mit sich bringen könnte, zum Opfer machen (lassen) und in Selbstmitleid zu schwelgen?

Selbstmitleid ist klar destruktiv und bringt Sie kein Stück voran. Niemandem nützt es, wenn Sie sich weiterhin gramgebeugt durchs Leben schleppen. Am allerwenigsten Ihnen selbst. Stellen Sie Ihr Selbstmitleid ab, indem Sie handeln und etwas gegen die schädliche Situation unternehmen, in der Sie sich befinden.

Das Leben ist erst dann kein „auswegloses Leiden“ mehr, wenn Sie sich gegen ihre „Opferrolle“ entscheiden und aktiv werden. Ein amerikanisches Sprichwort drückt das „Opfersein“ mit einem Bild sehr drastisch aus: „You can be lunch, or you can eat lunch” –  “Man kann essen oder gegessen werden”. Was wollen Sie? Wer wollen Sie sein?

Nehmen Sie dem Mobber jetzt und heute die Macht wieder weg, die Sie selbst gegeben haben und geben Sie sich selbst eine neue Chance! Trauen Sie es sich zu! Sagen Sie „Nein“! Schützen Sie mit all Ihrer Entschiedenheit Ihre Selbstachtung und Ihre Rechte, und lassen Sie sich nicht mehr länger mobben.

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