04.11.2016

Dauernde Erwerbsunfähigkeit: So gehen Sie als Arbeitgeber vor

Dauernde Erwerbsunfähigkeit kann jeden treffen. Stellen Sie sich vor, Ihr Mitarbeiter wird plötzlich erwerbsunfähig und Sie müssen schnell und richtig handeln. Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung unterstützt Sie dabei, an alles zu denken und zeigt Ihnen das richtige Vorgehen.

Von: René Mettler   Drucken Teilen  

René Mettler, eidg. dipl. Versicherungsfachmann

René Mettler arbeitet nach über zwanzigjähriger Erfahrung in den Schadenabteilungen von Versicherungsgesellschaften und nach seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Schleudertrauma-Verbandes seit 2002 als selbständiger Berater für verunfallte und erkrankte Personen in Versicherungs- und Leistungsfällen. Er ist in den Bereichen Haftpflicht-, Versicherungs- und Sozialversicherungsrecht Dozent an verschiedenen Schulen/Fachhochschulen.

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Dauernde Erwerbsunfähigkeit

Schritt 1: Denken Sie frühzeitig an die Anmeldung bei der Invalidenversicherung (IV)

Die Früherfassung zielt darauf ab, so früh wie möglich mit Personen in Kontakt zu treten, welche aus gesundheitlichen Gründen in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sind und bei denen die Gefahr einer Chronifizierung der gesundheitlichen Beschwerden besteht.

Sie richtet sich an Personen,

  • die während mindestens 30 Tagen ununterbrochen arbeitsunfähig waren; oder
  • die innerhalb eines Jahres wiederholt Kurzabsenzen aufweisen.

Anmeldeberechtigt ist nicht nur die versicherte Person, sondern auch deren Arbeitgeber und andere Versicherungsträger.

Spätestens vor Ablauf einer sechsmonatigen Arbeitsunfähigkeit hat sich die versicherte Person zum Leistungsbezug bei der IV anzumelden. Renten der Invalidenversicherung werden frühestens sechs Monate nach der Anmeldung zum Leistungsbezug (Berufliche Integration und Rente) ausgerichtet. Das Formular steht Ihnen als Gratisdownload zur Verfügung.

Auch der Arbeitgeber hat nach der Anmeldung zum Leistungsbezug ein Formular einzureichen. Dieses steht Ihnen als Gratisdownload zur Verfügung.

Schritt 2: Denken Sie bei einer IV-Berentung an eine allfällige Verrechnung Ihrer Lohnfortzahlung

In aller Regel wird die IV-Stelle ihre Abklärungen bis zum Ablauf der zwölfmonatigen Wartefrist nicht abgeschlossen haben. Entsprechend ist auch nicht damit zu rechnen, dass die Rente bereits nach einem Jahr bereits ausbezahlt wird. Sobald die Rente dann aber verfügt ist, werden die aufgelaufenen Renten nachbezahlt.

Durch diese Verzögerung kann der Leistungsberechtigte in eine finanzielle Notlage geraten. Die Leistungen aus UVG ergänzen die Leistungen der IV, d.h. sie müssen bei einer Überentschädigung durch den UVG-Versicherer gekürzt werden. Während der UVG-Versicherer bei der IV durch den Erlass einer entsprechenden Verfügung (so genannte Überentschädigungsverfügung) im Zeitpunkt der Verfügung der IV-Rente eine Verrechnung verlangen kann, gilt dies für den Krankentaggeld-Versicherer, den UVG-Zusatzversicherer, den Arbeitgeber oder einen allfälligen Haftpflichtigen nicht. Sie können eine Verrechnung nur verlangen, wenn der Leistungsberechtigte zustimmt. Da diese anderen bevorschussenden Dritte in der Regel eine Überentschädigung auch nicht zulassen, müssten sie ihre Leistungen ab Beginn des Leistungsanspruchs bei der IV (ein Jahr nach dem Unfall) um die zu erwartende IV-Leistung kürzen. Sie werden deshalb vom Leistungsberechtigen eine Erklärung verlangen, wonach dieser im Zeitpunkt der IV-Verfügung mit einer Verrechnung einverstanden ist. Mit dieser Erklärung gelangen sie an die zuständige Ausgleichkasse oder an die zuständige IV-Stelle.

Die IV stellt dafür ein besonderes Formular zur Verfügung. Dieses steht Ihnen zum Gratisdownload zur Verfügung.

Institutionen oder Arbeitgeber, welche einen Verrechnungsantrag stellen wollen, haben möglichst früh, d.h. vor Erlass der Verfügung die erste Seite auszufüllen und der zuständigen Ausgleichskasse einzureichen.

Nach der Verfügung der IV-Rente und nach Berechnung der Rente durch die zuständige Ausgleichskasse wird letztere dem bevorschussenden Dritten das Formular mit den notwendigen Ergänzungen retournieren, worauf dieser seinen Verrechnungsanspruch konkret geltend machen kann.

In diesem Zeitpunkt ist eine exakte Berechnung des Verrechnungsbetrages einzureichen.

Nur zeitlich kongruente Leistungen können verrechnet werden, wobei Leistungen als zeitlich kongruent gelten, wenn sie seit dem Unfalltag erbracht worden sind. Verbleibt eine Überentschädigung, mit welcher der Leistungsberechtigte einverstanden ist, so wird die IV den entsprechenden Betrag von ihrer Nachzahlung in Abzug bringen und direkt dem bevorschussenden Dritten überweisen.

Sozialversicherungsträger haben eine Kopie der Verfügung oder der Mitteilung an die versicherte Person beizulegen.

Schritt 3: So gehen Sie nach der IV-Rentenverfügung vor

Die IV-Stelle klärt den Rentenanspruch gesondert von einem Anspruch auf allfällige berufliche Massnahmen. Der Anspruch auf eine IV-Rente entsteht grundsätzlich nach zwölf Monaten, bei einer Invalidität von durchschnittlich mind. 40%.

Sobald ein Versicherter die Voraussetzungen für eine Rente nicht mehr erfüllt, fällt sie weg. Eine Anmeldung bei der IV bedeutet also nicht, dass keine Besserung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten ist, oder sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse nicht verbessern könnten.

Auch in Bezug auf den Rentenanspruch erhält die versicherte Person vorab einen Vorbescheid, welchem die vorgesehene Verfügung beiliegt.

Ist die versicherte Person mit dem Vorbescheid, bzw. der vorgesehenen Verfügung nicht einverstanden, kann sie innert 30 Tagen seit Zustellung bei der IV-Stelle schriftlich oder mündlich Einwände vorbringen. Bleibt die Frist ungenutzt, wird die IV den vorgesehenen Entscheid verfügen.

Der Versand des Vorbescheides erfolgt nicht eingeschrieben. Bewahren Sie deshalb das Kuvert auf, dessen Poststempel das Aufgabedatum und die Frankatur (A- oder B-Post) entnommen werden kann.

Die 30-tägige Frist beginnt am Tag nach Erhalt des Vorbescheides zu laufen.

Gegen die spätere Verfügung kann nur noch Beschwerde beim zuständigen kantonalen Sozialversicherungsgericht geführt werden.

Schritt 4:  Denken Sie an die anderen Versicherungsansprüche

UVG

Sobald von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung mehr zu erwarten ist, endet die Leistungspflicht des Unfallversicherers für kurzfristige Leistungen (Heilbehandlung und Taggeld). Bei der dauernden Erwerbsunfähigkeit wird er in diesem Zeitpunkt den Rentenanspruch prüfen und gegebenenfalls eine Integritätsentschädigung zusprechen. Er erlässt eine Verfügung.

UVG-Zusatzversicherung

Mit dem Abschluss des Grundfalls in der obligatorischen Unfallversicherung ist auch der Anspruch auf eine Invaliditäts-/Integritätsentschädigung zu prüfen.

Berufliche Vorsorge

Die Vorsorgeeinrichtung der beruflichen Vorsorge wird ebenfalls eine Überentschädigungsberechnung vornehmen.

Die Vorsorgeeinrichtung wird die versicherten Personen im Umfang deren Rentenanspruch bei der Invalidenversicherung (IV) neu als passiv Versicherte führen, d.h. Beiträge sind lediglich noch auf dem aktiven Teil (tatsächliche Erwerbstätigkeit) geschuldet, während die Vorsorgeeinrichtung die Altersgutschriften auf dem passiven Teil selbst gutzuschreiben hat.

Die versicherte Person erhält in der Regel neu zwei Vorsorgeausweise, einen für den aktiven, einen für den passiven Teil. Im passiven Teil werden künftige Lohnerhöhungen nicht mehr berücksichtigt.

Schritt 5: Sie antworten auf eine Rentenrevision

Renten der Sozialversicherer können jederzeit revidiert werden, wenn sich die gesundheitlichen oder erwerbsmässigen Voraussetzungen verändern. Treten solche Veränderungen ein, hat die versicherte Person die Sozialversicherer darüber zu informieren.

Die Sozialversicherer werden zudem von sich aus regelmässig den Leistungsanspruch überprüfen. Bei Bezügern einer Invalidenrente der IV wird in der Regel die IV-Stelle die Abklärungen vornehmen. Voran geht ein Fragebogen.

Die IV-Stellen haben bei Rentenbezügern in jedem Fall auch die Frage der Eingliederungsfähigkeit prüfen, d. h. ob mit beruflichen Massnahmen nicht ein rentenminderndes oder rentenausschliessendes Einkommen erzielt werden kann.

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