26.09.2018

Bilanzpolitik: Bilanzpolitische Gestaltungsräume zielgerichtet nutzen

Das vierte Quartal eines Jahres ist für viele Unternehmen und deren Entscheidungsträger nicht nur die Zeit des Jahresabschlusses, sondern auch der Zeitraum, in dem der voraussichtliche Jahreserfolg des Unternehmens dank eines im Zeitablauf immer genauer werdenden Vorschauwerts (year-end forecast) bereits weitestgehend abschätzbar ist. Im Management von zahlreichen Unternehmen befasst man sich deshalb in diesem Zeitraum umso intensiver mit Fragen zur Bilanzpolitik. So interessiert vor allem, ob und wie durch bilanzpolitische Massnahmen eine Ergebnisbeeinflussung ohne Verletzung der gesetzlichen Rechnungslegungsnormen möglich ist.

Von: Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch  DruckenTeilen Kommentieren 

Prof. Dr. Thomas Rautenstrauch

Thomas Rautenstrauch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting und Controlling sowie Leiter des Center for Accounting & Controlling an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Weiterhin ist er als Gastprofessor für Management Accounting im Executive MBA des Institute for Management in Technology (iimt) an der Universität Fribourg tätig. Thomas Rautenstrauch ist Autor von mehreren Fachbüchern und zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften und in der Wirtschaftspresse.

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Bilanzpolitik

Unter Bilanzpolitik wird in diesem Zusammenhang die bewusste Gestaltung von Sachverhalten durch die Ausnutzung bzw. Ausübung von expliziten und/oder impliziten Wahlrechten innerhalb der Rechnungslegung verstanden, durch die eine gewünschte und zugleich gesetzes- bzw. normenkonforme Ergebnisbeeinflussung möglich ist. Hierbei sind ausdrückliche (explizite) Bilanzierungs-, Bewertungs- und Darstellungswahlrechte von impliziten Wahlrechten zu unterscheiden, da Letztere die Nutzung von Ermessensspielräumen im Hinblick auf die Höhe der Wertansätze bei Vermögens- und Schuldpositionen betreffen. Die Möglichkeiten zur zielgerichteten Nutzung dieser Wahlrechte werden in der nationalen wie internationalen Rechnungslegung allerdings durch den Grundsatz der Stetigkeit eingegrenzt. Als Beispiel sei hier auf Art. 958c Abs. 1 Ziff. 6 OR verwiesen, wonach bei der Darstellung und Bewertung stets die gleichen Massstäbe zu verwenden sind.

Da Bilanzpolitik im Rahmen der Rechnungslegung stattfindet, unterliegt sie in vielen Unternehmen häufig einem saisonalen Bedeutungsanstieg, je näher der Abschlussstichtag rückt. Eine vorwiegend saisonal praktizierte Bilanzpolitik ist jedoch nicht empfehlenswert, da hierbei die Optimierungspotenziale aus Zeitgründen nicht im vollen Umfang genutzt werden können. Idealerweise sollte eine proaktive Diskussion von Bilanzierungsfragen zwischen Verwaltungsrat, Geschäftsleitung und den für die Rechnungslegung verantwortlichen Personen bereits unterjährig und anlassbezogen stattfinden. Solche Anlässe sind regelmässig strategiebezogene Managemententscheidungen, wie sie auf Geschäftsleitungs- und VR-Sitzungen diskutiert und verabschiedet werden: Investitionsentscheidungen, Restrukturierungsentscheidungen, Unternehmensübernahmen und –zusammenschlüsse oder andere strateger relevante Entscheidungen, deren bilanzpolitische und steuerliche Auswirkungen nicht immer einbezogen werden.

Beispiel für bilanzpolitische Entscheidungsfelder

Dies soll an einem Beispiel dargestellt werden: Angenommen, ein Unternehmen plant den Einsatz einer neuen Anwendungssoftware (z.B. eine neue CRM-Software im Vertrieb). Diese Entscheidung sei als (Erweiterungs-) Investition strategisch motiviert, weil das Marketing in die Lage versetzt werden soll, eine detaillierte Kundensegmentierung vorzunehmen, um zukünftig die Neukundenakquisition durch einen noch gezielteren Einsatz von Marketingmassnahmen zu unterstützen.

Im Zusammenhang mit einer solchen Entscheidung sollten bereits in der Planungsphase die Ergebniswirkungen von den Linien- und Finanzverantwortlichen analysiert werden.

Die unten genannten Entscheidungsfelder sind daher im Hinblick auf ihre Wirkungen für das Jahresergebnis und die Besteuerung sowie für relevante Kennzahlen separat zu prüfen.

Massnahmen zur Verbesserung der Bonität

Wenn Unternehmen ihre Bonität im Hinblick auf eine bevorstehende Fremdfinanzierung von Grossinvestitionen (z.B. durch die Aufnahme eines Bankkredits) kurzfristig positiv beeinflussen wollen, ohne diese jedoch nachhaltig verbessern zu können, bieten sich folgende Möglichkeiten an:

  • das Verschieben von Investitionen zur Schonung der Liquidität
  • das Verschieben von Rohmaterialeinkäufen zur Schonung der Liquidität
  • das Verschieben der Inbetriebnahme neu erstellter/erworbener Anlagen, welche zugleich zu einem späteren Abschreibungsbeginn und somit zu geringeren operativen Aufwendungen führen
  • die Auslagerung von Vermögenswerten durch ein Sale-and-Lease-Back wie z.B. im Fall einer Immobilie, wodurch das gebundene Vermögen reduziert und der Cashflow massiv erhöht werden kann

So kann es die Motivation einer Unternehmung sein, durch die zielgerichtete bilanzielle Abbildung von einzelnen Sachverhalten den Eindruck einer hohen Bonität zu vermitteln, ohne dass diese jedoch zwangsläufig geschaffen worden wäre.

Aufgrund der Vertragsfreiheit und der Kenntnis der Abbildungsregeln lässt sich dies beispielsweise erreichen durch

  • das Verschieben von Investitionen und Rohstoffkäufen,
  • die Auslagerung von Vermögen und Schulden mittels Leasinggeschäften sowie
  • den geschickten Einsatz von derivativen Finanzinstrumenten bis hin zur Generierung von Umsatz, Ergebnis und Cashflow durch Partnerunternehmen

Um aus der Perspektive eines kritischen Betrachters solche strategischen/bilanzpolitischen Entscheide kritisch zu beleuchten, sollten folgende Fragen gestellt werden:

  • Hat das betrachtete Unternehmen wohl ein offensichtliches Interesse an einem höheren oder einem niedrigeren Ergebnis?
  • Welche Vor- und Nachteile ergeben sich für das Unternehmen, wenn aktuelle Ergebnisse zulasten zukünftiger Ergebnisse verbessert werden und umgekehrt?
  • Welche Wirkungen erzielt das Unternehmen durch die Ausübung von expliziten Wahlrechten innerhalb des gewählten Rechnungslegungsstandards, die es im Anhang zur Jahresrechnung erläutert bzw. offenlegt?
  • Wie entscheidet sich das Unternehmen in Bezug auf die Nutzung von Ermessensspielräumen bei der Bewertung von Vermögenswerten und Schulden?

Diese und ähnliche Fragen lassen erkennen, mit welcher Stossrichtung bzw. Grundhaltung ein Unternehmen in bilanzpolitische Gestaltungsfragen eintritt.

Fazit

Ein auf der Managementebene zumeist bestehender Bedarf an bilanzpolitischer Gestaltung und Ergebnisbeeinflussung sollte durch eine enge Abstimmung von Linien- und Finanzverantwortlichen bei allen strategie-relevanten Entscheidungen nicht nur kurz vor dem Jahresende erörtert werden, sondern wann immer sich ein entsprechender Anlass ergibt.

Je nach Jahresabschlussadressat bzw. Anspruchsgruppe können hierbei unterschiedliche Motive bestehen: die Gewinnminimierung zum Zweck der Steueroptimierung oder die Gewinnmaximierung im Falle einer bevorstehenden Kreditfinanzierung bzw. im Fall eines bevorstehenden Unternehmensverkaufs oder eine Gewinnglättung zur Verstetigung der Gewinnausschüttung. Allerdings können bilanzpolitische Massnahmen und deren Wirkung für die Anspruchsgruppen nur abhängig vom jeweiligen situativen Kontext beurteilt werden und im Extremfall sogar unternehmensschädlich ausfallen. Letzteres ist beispielsweise dann der Fall, wenn das Management bilanzpolitische Entscheidungen primär zur Steigerung der eigenen erfolgsabhängigen Vergütung sucht und dafür bereit ist, Aufwandsverschiebungen vorzunehmen sowie notwendige Investitionen auszusetzen bzw. zurückzuhalten, damit stattdessen ein gewünschtes Gewinnziel erreicht wird.

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