09.06.2021

Praxisfall Arbeitszeugnis: Umstrittene Formulierungen

Das Formulieren von Arbeitszeugnissen bereitet in der Praxis h├Ąufig Schwierigkeiten. Dieser Beitrag liefert Ihnen rechtssichere Antworten auf Fragen rund um den Praxisfall Arbeitszeugnis.

Von: Nicole V├Âgeli Galli   Drucken Teilen  

Dr. Nicole V├Âgeli Galli

Dr. Nicole V├Âgeli Galli ist Fachanw├Ąltin SAV Arbeitsrecht und Partnerin bei K├╝ng & V├Âgeli Rechtsanw├Ąlte in Kloten.

Praxisfall Arbeitszeugnis

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1. Muss im Zeugnis stehen, welche Partei k├╝ndigte und aus welchem Grund?

Auf Wunsch des Arbeitnehmers muss dies weggelassen werden, doch darf dadurch kein falscher Eindruck entstehen.

2. Darf eine Freistellung im Zeugnis erw├Ąhnt werden?

Solange diese nicht das ├╝bliche Mass von maximal sechs Monaten bei einer Gesamtdauer des Arbeitsverh├Ąltnisses von sicher mehr als anderthalb Jahren ├╝bersteigt: nein.

3. D├╝rfen wir f├╝r die Zeugniserstellung Textbausteine verwenden, oder m├╝ssen wir jedes Zeugnis individuell formulieren?

Es d├╝rfen Bausteine verwendet werden, zumal dies ein einheitlicheres Auftreten der Unternehmung garantiert und weniger Angriffspunkte f├╝r ├änderungsbegehren seitens der Arbeitnehmer generiert. Allerdings m├╝ssen die Bausteine f├╝r die zu bewertende Funktion und T├Ątigkeit passen und es sind ein oder zwei individuelle Punkte zum konkreten Arbeitnehmer aufzunehmen.

4. Wann kann eine Arbeitsbest├Ątigung verlangt werden und wann ein Zeugnis?

Es kann immer beides verlangt werden. Ein Arbeitszeugnis darf nur verweigert werden, wenn tats├Ąchlich gar nichts qualifiziert werden kann.

5. Ein Mitarbeiter verlangt von uns, dass wir das Zeugnis ab├Ąndern. M├╝ssen wir darauf eingehen?

Ein Ab├Ąnderungsanspruch besteht einzig, wenn das Arbeitszeugnis nicht alle wesentlichen Punkte enth├Ąlt, unwahre Aussagen beinhaltet oder einen falschen Eindruck vermittelt. Mithin k├Ânnen keine Formulierungen verlangt werden, die dasselbe aussagen, reine Erg├Ąnzungen darstellen oder vom Arbeitnehmer als ┬źsch├Âner┬╗ betrachtet werden. Letztlich ist es kein ┬źWunschkonzert┬╗ des Arbeitnehmers.

6. Kann ein Mitarbeiter gerichtlich gegen uns vorgehen, wenn wir ihm kein besseres Zeugnis ausstellen?

Der Arbeitnehmer kann gerichtlich Ab├Ąnderungen dann erfolgreich verlangen, falls tats├Ąchlich ein unvollst├Ąndiges oder unwahres Arbeitszeugnis vorliegt. Daf├╝r muss er zuerst das Schlichtungsverfahren einleiten und, falls es dort keine Einigung gibt, das zust├Ąndige Gericht anrufen. Entscheidend ist, dass der Arbeitnehmer nur klar formulierte ├änderungen geltend machen kann. Das Gericht kann nicht einfach ein besseres Zeugnis zusprechen. Vor Gericht hat der Arbeitnehmer die von ihm gew├╝nschten ├änderungen zu beweisen. Allerdings hat der Arbeitgeber beim Aufzeigen der Gr├╝nde f├╝r negative Beurteilungen mitzuwirken. Verlangt wird letztlich, dass der Arbeitgeber negative Angaben im Arbeitszeugnis nachzuweisen hat. Dies kann durch Einreichen von Qualifikationen, Verwarnungen, Reklamationen etc. oder durch Zeugenaussagen von Vorgesetzten, Mitarbeitenden, Kunden etc. erfolgen. Gerade deshalb ist es enorm wichtig, dass regelm├Ąssig Qualifikationen vorgenommen werden und diese Beurteilungen den Tatsachen entsprechen.

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7. Hat ein Arbeitnehmer Anspruch auf die Qualifizierung ┬źzur vollsten Zufriedenheit┬╗?

Sowohl das Arbeitsgericht Z├╝rich (Urteil vom 19. Dezember 1994) wie auch das Bundesgericht (Urteil vom 10. Juni 2014, 4A_137/2014) haben korrekt festgehalten, dass die Wahl der Formulierungen dem Arbeitgeber zusteht. Einzig bei unwahrem oder unvollst├Ąndigem Inhalt kann der Arbeitnehmer eine Ab├Ąnderung verlangen. Zudem, so das Bundesgericht, besteht kein signifikanter Unterschied zwischen ┬źzu unserer Zufriedenheit ┬╗ und ┬źzu unserer vollen Zufriedenheit┬╗. Es handle sich so oder so um eine positive Qualifikation. Da es sich bei der Zufriedenheit nicht um eine objektive Qualifikation handelt (Arbeitsgericht Urteil vom 24. August 1983) und grammatikalisch ┬źvoll┬╗ nicht gesteigert werden kann, besteht der Anspruch des Arbeitnehmers nicht. Bei entsprechendem Nachweis k├Ânnte er indes die Qualifikation ┬źsehr gute/ausgezeichnete Leistungen┬╗ verlangen.

8. Eine Grenzg├Ąngerin aus Frankreich verlangt, dass wir ihr ein Arbeitszeugnis auf Franz├Âsisch ausstellen. Sind wir dazu verpflichtet?

Grunds├Ątzlich ist das Arbeitszeugnis in den Arbeitssprachen auszustellen. Die Ausstellung in zus├Ątzlichen Sprachen durch den Arbeitgeber und auf seine Kosten hat nur zu erfolgen, wenn zweisprachig gearbeitet wurde, eine weitere Sprache auch Unternehmenssprache ist (zum Beispiel in der Tochtergesellschaft eines amerikanischen Konzerns) oder es sich um internationale Arbeitnehmer handelt. Aufgrund des Letzteren k├Ânnte durchaus der Standpunkt vertreten werden, der Arbeitgeber habe das Arbeitszeugnis auf Deutsch und Franz├Âsisch auszustellen.

9. Praxisfall: Formulierung streichen auf Wunsch von Arbeitnehmer

Eine Mitarbeiterin k├╝ndigt mit der Begr├╝ndung, ihr fensterloser Arbeitsplatz verursache gesundheitliche Probleme. Trotz dieser Klagen hat sie aber nie gefehlt. Im Arbeitszeugnis steht nun der Passus: ┬źFrau XY verl├Ąsst aus gesundheitlichen Gr├╝nden die Stelle auf eigenen Wunsch┬╗. Die Mitarbeiterin verlangt nun nachtr├Ąglich aber ein neues Zeugnis, in dem die Formulierung ┬źaus gesundheitlichen Gr├╝nden┬╗ gestrichen wird. Muss diesem Wunsch entsprochen werden?

In diesem Fall gilt das Folgende: Nach Art. 330a OR m├╝ssen im Arbeitszeugnis Art und Dauer sowie die erzielten Leistungen und das gezeigte Verhalten erw├Ąhnt werden. Gesundheitliche ├ťberlegungen eines Arbeitnehmers, die zur K├╝ndigung f├╝hren, sind rein pers├Ânlicher Natur und d├╝rfen deshalb nicht im Zeugnis erscheinen. Dem Wunsch nach Streichung der umstrittenen Passage muss also entsprochen werden. Anders l├Ąge aber der Fall, wenn der Mitarbeiterin wegen einer tats├Ąchlichen Krankheit gek├╝ndigt worden w├Ąre.

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