11.05.2017

Uncodiertes Arbeitszeugnis: Die Brückentechnik als Formulierungshilfe

Ungenügende Leistungen oder ungeeignetes Verhalten ist im Arbeitszeugnis zu erwähnen. Wir empfehlen dabei, die sprachliche Brückentechnik anzuwenden. Diese erweist sich bei der Abfassung von uncodierten Arbeitszeugnissen als unentbehrlich. Mit der Brückentechnik konzentriert sich der Arbeitgeber bewusst auf positive Qualifikationsmerkmale.

Von: Thomas Wachter   Drucken Teilen   Kommentieren  

Thomas Wachter

Nach mehreren Stellen in verschiedenen Unternehmungen, arbeitet T. Wachter nun seit 12 Jahren im Personalamt des Kantons Luzern. Früher als Bereichspersonalleiter, Leiter Personal- und Organisationsentwicklung, aktuell als Leiter HR-Support sowie Mitglied der Geschäftsleitung. Weitere Tätigkeiten sind: Lehrgangsleitungen und Dozent für Personalmanagement, -administration und -führung. T.Wachter ist unter anderem Autor und Herausgeber der WEKA-Werke «PersonalPraxis» und «Praxisleitfaden Personal».

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Uncodiertes Arbeitszeugnis

Positive Aspekte und Negativpunkte

Zunächst werden positive Aspekte genannt: Fachliche Stärken, Leistungsbereiche oder positive Verhaltensaspekte. Auch wenn es möglicherweise im Ärger über eine unfähige Mitarbeiterin oder einen charakterlich schwierigen Mitarbeiter schwierig erscheint: jede Person weist neben schlechten Leistungsaspekten und ungeeigneten Eigenschaften auch positive Merkmale auf. Wichtig ist, dass auch dabei lediglich wahre und wichtige Aspekte genannt werden und nicht Nebensächlichkeiten und Selbstverständlichkeiten («war immer pünktlich und ehrlich») aufgezählt werden.

Die zu beschreibenden Negativpunkte werden anschliessend klar, aber in moderater Sprache angesprochen. Beachten Sie bitte, dass tatsächlich nur typische und ausgeprägte Negativpunkte in ein Arbeitszeugnis gehören. Einzelereignisse sind nicht signifikant, soweit es sich um strafrechtliche Aspekte handelt. Die Negativpunkte werden mit relativierenden Formulierungen angesprochen, um der Aussage die Spitze zu brechen. Dabei werden auch bewusst die sonst in Texten zu vermeidenden Füllwörter eingesetzt.

  • noch, noch nicht, nicht immer, noch nicht immer, manchmal, hin und wieder, öfters, gelegentlich, vielleicht, im Grossen und Ganzen;
  • wir hätten uns gewünscht;
  • in der heutigen Teamkonstellation, aufgrund der gestiegenen Leistungsanforderungen, die ausserordentlich hohen Anforderungen.

Am Schluss wird ein Lösungsweg aus der negativen Situation aufgezeigt. Fair werden die Möglichkeiten zur Überwindung des Negativpunktes beschrieben. Die Brückentechnik lässt somit das beschriebene negative Verhalten nicht einfach stehen, sondern zeigt einen Ausweg.

Am besten geht man mit relativierenden Aussagen und Erklärungen vor. Relativierend kommt von Relation. Relation bedeutet Bezug. Es muss also ein weiterer Bezug genannt werden, damit der (zu) harten Aussage die negative Spitze genommen wird. Die im deutschen Sprachunterricht verpönten Füllwörter wie «noch, noch nicht, nicht immer, nicht ganz, noch nicht immer vollumfänglich, manchmal, hin und wieder, öfters, gelegentlich, vielleicht» oder auch «im Grossen und Ganzen» erhalten bei der Anwendung der sprachlichen Brückentechnik eine ganz neue Dimension.

Schwächen eingrenzen und Stärken aufzeigen

(+) Frau R. zeichnet sich durch ein hohes Fachwissen aus. Insbesondere gelang es ihr, in Briefen und Texten auch komplexe Zusammenhänge klar und verständlich darzustellen und auch in schwierigen Situationen im schriftlichen Umgang den richtigen Ton zu finden. Ihre Arbeitsprodukte waren deshalb von hoher Qualität und wertvoll für das Unternehmen.

(–) Die Stelle von Frau R. erfordert zudem spezielle Fähigkeiten bei der Kostenberechnung. Hier zeigte sich, dass Frau R. diesen Anforderungen nicht immer gewachsen war und teilweise beanstandet werden mussten.

(+) Sicher wird Frau R. an einer Stelle, welche ihrer ausserordentlichen Kompetenz in der Formulierung von Texten noch besser entspricht, eine umfassend gute Leistung erbringen können. Speziell erwähnen möchten wir, dass diese Frage mit Frau R. sehr konstruktiv und offen angesprochen werden konnte.

Kommentar

Die Schwäche von Frau R. wird klar eingegrenzt und ihre Stärke aufgezeigt. Jeder zukünftige Arbeitgeber kann aus dem Zeugnis herauslesen, dass er Frau R. nicht für Berechnungen einsetzen kann. Die Arbeitnehmerin ist deshalb gut beraten, sich auch auf die Stellen zu konzentrieren, in welchen sie erfolgreich sein wird. Diese Aussagen helfen sowohl zukünftigen Arbeitgebern wie Frau R. mehr, als eine codierte Aussage: «Mit ihren Leistungen waren wir zufrieden».

Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit aufzeigen

(+) Frau S. hat sich sehr schnell in das komplexe Aufgabengebiet eingearbeitet und verfügte bereits nach kurzer Zeit über hervorragende Fachkenntnisse.

(–) Die enge Zusammenarbeit zwischen der Projektmanagerin und dem Verkaufsteam erfordert einerseits ein hohes Durchsetzungsvermögen und andererseits Verständnis für die Belange des Verkaufsteams. Die Erfüllung dieser Anforderungen ist nicht optimal gelungen, was leider dazu führte, dass sich die Zusammenarbeit mit dem Verkaufsteam im Laufe der Zeit immer schwieriger gestaltete und schliesslich zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses führte.

(+) Wir gehen davon aus, dass die Fähigkeiten von Frau S. in einem andern Umfeld, in welchem die Leistungsumsetzung weniger von der engen Zusammenarbeit abhängt, besser zum Tragen kommen. Dies insbesondere, weil die Kommunikationsstrategien und -lösungen sowohl die Kunden wie die Vorgesetzten stets überzeugt haben und Frau S. sehr gute Arbeit geleistet hat.

Kommentar

Die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit als Kündigungsgrund werden klar genannt. Gleichzeitig werden die Fähigkeiten der Person herausgearbeitet und die Anforderungen des Umfelds genannt, damit diese auch zum Tragen kommen.

Fachlich unterqualifiziert

(+) Wir haben Herrn Z. als ausserordentlich engagierten und hilfsbereiten Mitarbeiter kennengelernt.

(–) Wir hätten uns gewünscht, dass Herr Z. auch in komplexen Buchungsvorgängen fachlich noch sicher ist. Hier zeigte sich, dass er kein ausgebildeter Buchhalter ist. Die fachlichen Voraussetzungen für diese Stelle wurden bei der Anstellung auch von uns nicht richtig beurteilt. Diese beidseitigen Falscheinschätzungen waren die Hauptursache, dass die erwarteten Leistungen nicht erbracht werden konnten.

(+) Hingegen zeigte sich seine Stärke in der Debitoren- und Kreditorenbewirtschaftung. Sowohl seine Zuverlässigkeit und Genauigkeit wie der professionelle Umgang mit den säumigen Kunden erwähnen wir speziell.

Kommentar

Auch hier wird der negative Aspekt, das fachliche Versagen relativiert und als Fehleinschätzung bei der Stellenbesetzung eingeordnet, wobei auch der Arbeitgeber seine Mitschuld nicht unerwähnt lässt. Das fachliche Können von Herrn Z. wird klar aufgezeigt, so dass zukünftige Arbeitgeber dieses einordnen können.

Fehlende Sprachkenntnisse

(+) Herr Y. zeichnet sich durch spezielle Fähigkeiten im Marketing und der Produktepräsentation aus. So ist es ihm gelungen, eine ganze Reihe von neuen Kunden in Deutschland zu gewinnen.

(–) Wir hätten uns gewünscht, dass es Herrn Y. als international tätiger Pharma-Vertreter noch besser gelungen wäre, die hohen Erwartungen unserer internationalen, vornehmlich englisch sprechenden Kunden zu erfüllen.

(+) Die von uns empfohlenen und von ihm bereits eingeleiteten sprachlichen Weiterbildungsmassnahmen werden unseres Erachtens dazu beitragen, dass seine Neuorientierung in einem andern Bereich erfolgreich verlaufen wird.

Kommentar

Das Zeugnis zeigt klar auf, woran es gefehlt hat. Will der Mitarbeiter weiterhin international tätig sein, muss er einen grossen Schritt betreffend seinen Englisch-Kenntnissen machen. Dieser ist bereits eingeleitet.

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