26.10.2021

Jobsharing: Risiko oder Chance für KMU?

Jobsharing ist immer noch die Ausnahme. Zu kompliziert, zu teuer, zu ineffizient lauten die Vorurteile. Dabei ist es genau das Gegenteil: Ein Zuwachs an Produktivität, Wissen und Kompetenzen. Und eine innovative Lösung für Gleichstellung sowie Nachfolgeregelungen in KMU.

Von: Nassima Boulaouche, Melanie Müller   Drucken Teilen  

Nassima Boulaouche

Nassima Boulaouche betreut Firmen bei der Rekrutierung von IT-Fachspezialisten und ist bei Careerplus für Job- und Topsharing Rekrutierung verantwortlich.

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Melanie Müller

Mélanie Müller lanciert gemeinsam mit Nassima Boulaouche Job- und Topsharing Rekrutierung bei Careerplus.

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Jobsharing

Die Schweiz ist bekannt für Ihre hohe Produktivität und Arbeitsmoral. Und doch arbeiten ein Drittel aller Arbeitnehmenden Teilzeit. Wenig überraschend ist hingegen die Geschlechteraufteilung. Während 60% der Frauen einem Teilzeitpensum nachgehen, sind es bei den Männern gerade mal 18% (BFS, 2020) – in der Schweiz kümmern sich meistens die Frauen um die Kinder oder pflegbedürftige Angehörige. Das Problem: Teilzeitarbeit ist ein Karrierestopper. Denn verantwortungsvolle Aufgaben können oft nicht in einem 60%-Pensum erledigt werden. Die Konsequenz: Frauen sind in der Schweiz in Führungspositionen auffallend untervertreten. Der Frauenanteil in Verwaltungsräten beträgt lediglich 23% und in der Geschäftsleitung von Unternehmen gerade mal 10% (Schillingreport 2020). Dies erstaunt, da mittlerweile mehr Frauen als Männer über eine eidgenössische Maturität verfügen und mehr als die Hälfte aller Studierenden an den universitären Hochschulen weiblich ist.

Fehlende hochqualifizierte Fachkräfte

Das ist brachliegendes Potenzial an hochqualifizierten Fachkräften, das Schweizer Unternehmen fehlt. Jobsharing schliesst die Lücke zwischen Teilzeitarbeit und Karriere. Wer nur Vollzeitstellen anbietet oder Teilzeitstellen mit wenig Verantwortung, wird ausserdem viele Talente verlieren. Denn erhält eine Frau nach dem Mutterschaftsurlaub nicht weiterhin eine verantwortungsvolle Position, wird sie mit grosser Wahrscheinlichkeit das Unternehmen verlassen – mitsamt ihrem Wissen. Auch die Lebensrealität der Männer hat sich gewandelt. Sie haben zunehmend das Bedürfnis, Teilzeit zu arbeiten. Sei es, weil sie sich an der Erziehung der Kinder beteiligen, sie verschiedene Berufe kombinieren oder sich mehr Selbstbestimmung wünschen. Grossunternehmen können es sich schon lange nicht mehr leisten, gesellschaftspolitische Themen wie Diversität, Chancengleichheit und Work-Life-Balance zu ignorieren. Auch KMU werden dazu immer mehr Stellung nehmen müssen.

Verschiedene Formen von Jobsharing

Das Prinzip von Jobsharing ist im Grundgedanken simpel: Zwei oder mehrere Mitarbeitende teilen sich eine Vollzeitstelle in gemeinsamer Verantwortung und mit voneinander abhängigen Aufgaben. Die beiden Mitarbeitenden – auch Tandem genannt – treten dabei als eine Einheit auf und werden auch als solche beurteilt. Bei einem «reinen Jobsharing» sind zwei Mitarbeitende mit einem Vertrag angestellt, es gibt ein Email-Konto und die Arbeitsaufteilung pro Person ist identisch. Von einem «hybriden Jobsharing» spricht man, wenn die Arbeitnehmenden je einen Einzelvertrag unterzeichnet haben. Die Dossiers werden dabei untereinander aufgeteilt, einige Aufgaben bleiben dennoch austauschbar und beide Partner tragen gemeinsam die volle Verantwortung. Ganz anders bei Jobsplitting, das lediglich eine Aufteilung einer Vollzeit- in Halbzeitstellen bezeichnet. Auch auf höchster Führungseben ist Jobsharing möglich. Das sog. Topsharing wäre früher undenkbar gewesen, erfreut sich heute aber wachsender Beliebtheit.

Corona kann als zusätzlicher Katalysator wirken. Denn die Pandemie hat die Digitalisierung und die Entwicklung neuer Arbeitsformen beschleunigt. Flexible Arbeitszeiten und -orte, neue Kommunikationswege, Homeoffice, Teilzeitarbeit – es wurde vieles möglich, demgegenüber Unternehmen früher kritisch eingestellt waren. Und die Mitarbeitenden? Die werden kaum ein Zurück in starre Arbeitsformen akzeptieren.

Nicht immer nur einfach

Jobsharing funktioniert allerdings nur, wenn die Chemie zwischen den Partnern stimmt. Es ist daher nicht einfach, den oder die richtige/n Jobsharing- oder Topsharing-Partner/in zu finden. Gerade für KMU bedeutet das unter Umständen ein komplexeres Rekrutierungsverfahren. Zudem kommt es zu höheren Kosten, da es für eine Stelle zwei Arbeitsplätze oder zumindest zwei Computer benötigt sowie mehr Aufwand in der Administration und Führung. Aufwändiger ist auch die Kommunikation: Um den Informationstransfer zu gewährleisten, ist ein gemeinsamer halber Tag ratsam, an dem auch alle Teammitglieder anwesend sind.

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Die Produktivität steigt

Im Gegenzug zu den Herausforderungen, die es auch mit «normalen» Teilzeit- und Vollzeitstellen gibt, gewinnt das Unternehmen für eine Stelle die doppelte Kompetenz. Mehr Erfahrung, Fähigkeiten und Ideen zum Preis von einer. Die Gefahr eines Burnouts ist zudem geringer, da die Last auf vier anstatt zwei Schultern verteilt ist und das Tandem in engem Austausch steht. Nicht zuletzt ist eine höhere Präsenz im Unternehmen gewährleistet – ist ein z.B. ein Partner in den Ferien oder fällt aus, kann der andere einspringen. Die Stellvertretung ist dabei nicht pro forma, sondern weiss ebenso gut über die laufenden Themen Bescheid wie die abwesende Person. Besonders für KMU ist dies wertvoll, da die Mitarbeitenden oft mehrere Rollen inne haben. Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender positiver Effekt: Studien belegen, dass die Produktivität bei zufriedenen Mitarbeitenden sowie bei einem Pensum von unter 80% steigt. Und da mit Jobsharing der Kandidatenpool eines Unternehmens vergrössert wird, reduzieren sich Personalengpässe und dem Fachkräftemangel kann etwas entgegengesetzt werden.

Generationenübergreifendes Jobsharing

Nebst dem Fachkräftemangel sehen sich viele KMU vor dem Problem der Nachfolge. Denn die Generation der Babyboomer verlässt in den nächsten Jahren den Arbeitsmarkt – und mit ihr Kompetenzen und Fachkenntnisse, die schwer zu finden sind. Mit einem intergenerationellen Jobsharing, also einem Tandem, das mindestens 10 Jahre Altersunterschied aufweist, kann dieses wertvolle Know-how an jüngere Generationen weitergegeben werden. Ausserdem kann die ältere Person ihr Pensum reduzieren und trotzdem weiterhin eine anspruchsvolle Tätigkeit ausüben. Im Gegenzug profitiert sie vom technischen Wissen sowie den Kompetenzen der Nachwuchskräfte.

Erste Schritte zum Job- und Topsharing in KMU

  • Bewusstsein schaffen: Nehmen Sie das Thema Jobsharing aktiv auf Ihre Agenda und sensibilisieren Sie die Unternehmensleitung und die Mitarbeitenden.
  • Belegen Sie Ihre Argumente: Kommunizieren Sie die Vorteile von Jobsharing anhand von wissenschaftlichen Fakten. Beispielsweise zeigen Studien, dass zufriedene Mitarbeiter produktiver und loyaler sind.
  • Interner «Tandem-Pool»: Führen Sie eine Liste mit Teilzeitmitarbeitenden, die an Jobsharing interessiert sind sowie Vollzeitangestellten, die ihr Pensum reduzieren möchten. Vermerken Sie dabei Berufserfahrung, Funktion und (gewünschter) Beschäftigungsgrad. Die Liste hilft, intern einen Jobsharing-Partner zu finden.
  • Aktiv Jobsharing anbieten: Erwähnen Sie in den Stellenangeboten ausdrücklich die Möglichkeit für Jobsharing (100% oder Jobsharing).
  • Unterstützung anbieten: Für ein neues Jobsharing-Team kann ein professionelles Coaching sinnvoll sein, etwa zur Optimierung der internen Prozesse und der bestmöglichen Organisation. Der Verein PTO «Part-Time Optimisation» bietet unter go-for-jobsharing.ch Coachings an.

Jobsharing ist auf allen Ebenen eine innovative Möglichkeit, sich als attraktiven und modernen Arbeitgeber zu positionieren, gleichzeitig die Zufriedenheit und die Produktivität der Mitarbeitenden zu steigern, sowie hochqualifizierte Mitarbeitende zu finden und zu halten. Und das vor allem auch für KMU.

Jobsplitting ist grundsätzlich sehr ähnlich wie konventionelle Teilzeitarbeit. Eine Vollzeitstelle wird in eine oder mehrere Teilzeitstellen aufgeteilt. Dabei werden die Aufgabenbereiche klar voneinander abgegrenzt und unabhängig von den Teilzeitangestellten übernommen. I. d. R. besteht kaum Austausch oder Abstimmungsbedarf, jede*r trägt die Verantwortung für den eigenen Aufgabenbereich.

Jobsharing grenzt sich klar davon ab. Zwei (oder mehr) Personen teilen sich eine Vollzeitstelle mit allen Aufgaben und Verantwortlichkeiten gemeinsam. Die Stelle ist im Vergleich zu Jobsplitting komplexer und erfordert Abstimmung und eine enge Zusammenarbeit im Tandem. Die Jobsharer teilen sich die Arbeitszeiten flexibel auf. Die zeitliche Aufteilung kann je nach Situation 50/50, 40/60 oder auch 70/70, also mehr als 100% betragen, da so zusätzliche Verantwortlichkeiten dieser Rolle übertragen werden können. Gerade in Führungspositionen werden solche Zeitmodelle häufig gewählt. In diesem Fall spricht man von Topsharing oder Co-Leadership.

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