Krank arbeiten: Folgen und Prävention von Präsentismus

KURZ ZUSAMMENGEFASST

Präsentismus bedeutet, dass Mitarbeitende trotz Krankheit oder Erschöpfung am Arbeitsplatz anwesend sind. In der Schweiz betrifft dies mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen, was zu erheblichen Produktivitätsverlusten und einem Anstieg von Burn-out-Symptomen führt. Die Kosten für arbeitsbezogenen Stress belaufen sich jährlich auf rund CHF 6,5 Mrd. Effektive Gegenmassnahmen setzen bei der Führungskultur und dem betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) an.

Die wichtigsten Punkte:

  • 52 % der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten krank gearbeitet zu haben.
  • Präsentismus verursacht höhere Produktivitätsverluste als Abwesenheit.
  • Team- und Führungskultur sind entscheidende Hebel gegen das kranke Arbeiten.
  • Betriebliches Mentoring stärkt Führungskräfte im Umgang mit Überlastungssignalen.
  • Prävention ist wirtschaftlich effizienter als reaktives Abwesenheitsmanagement.
28.10.2026 Von: Sonja Kupferschmid, Sophie Plüss
Krank arbeiten

Wie lässt sich Präsentismus im Unternehmen verhindern?

Die Fakten beschönigen nichts: Über 50% der Arbeitnehmenden erscheinen krank zur Arbeit. Krank arbeiten hat fatale Folgen: Burn-out-Symptome nehmen zu, die Lebenszufriedenheit sinkt, und Unternehmen haben durch fehlende Produktivität finanzielle Einbussen. Betriebliches Gesundheitsmanagement kann genau hier präventiv ansetzen.

Der Job-Stress-Index in der Schweiz zeigt ein klares Bild: Im Jahr 2022 fühlten sich 30,3% der Erwerbstätigen emotional erschöpft, also fast jede dritte Person. Ebenfalls befindet sich bei 28,2% das Stresslevel in einem kritischen Bereich.1

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)

Das betriebliche Gesundheitsmanagement fokussiert sich auf die Gesundheit der Mitarbeitenden. Dazu wird ein gesundheitsförderndes Arbeitsklima geschaffen, welches den Arbeitnehmenden hilft, gesund und leistungsfähig zu bleiben.2 Dabei baut es auf drei unterschiedlichen Säulen auf: Arbeits- und Gesundheitsschutz, betriebliche Gesundheitsförderung und Abwesenheitsmanagement/Case Management.3

Entlang dieser Teilbereiche können konkrete Massnahmen definiert werden: Der erste Bereich fokussiert sich auf die Prävention, also auf eine Gesundheitsförderung, bevor es überhaupt zur Krise kommt. Dies kann beispielsweise durch gezielte Pausen, Bewegung, ergonomische Arbeitsplätze und Stress-Workshops geschehen. Der zweite Bereich befasst sich mit Frühinterventionen. Da geht es darum, dass Ressourcen aktiviert werden, und bei den ersten Anzeichen von Überlastung und Dauerstress sollten die Arbeitsgeber früh intervenieren. Dabei ist es wichtig, dass die Führungskräfte zu dieser Thematik ausreichend geschult sind und so die frühen Anzeichen erkennen und darauf reagieren können. Zusätzlich kann eine Beratungsstelle oder Ansprechperson für Arbeitnehmende entstehen, welche die Mitarbeitenden bei den ersten Anzeichen unterstützen können. Der dritte und letzte Teilbereich ist die Reintegration. Dieser Teil kommt dann zum Zug, wenn es zu einem Arbeitsausfall gekommen ist und somit die Prävention nicht mehr greift. Falls es zu einer längeren Arbeitsabwesenheit gekommen ist, ist eine geplante und schrittweise Rückkehr in den Arbeitsalltag wichtig. Insbesondere Gespräche, angepasste Arbeitsbedingungen und eine stufenweise Rückkehr können einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag unterstützen.2

Prävention statt Reaktion

Der Job-Stress-Index 2022 hebt hervor, dass arbeitsbezogener Stress die Wirtschaft finanziell belastet – nämlich rund CHF 6,5 Mrd. gehen durch arbeitsbezogenen Stress verloren. Eine Stressreduktion fördert nicht nur die Gesundheit der Arbeitnehmenden, sondern zeigt auch ein grosses ökonomisches Potenzial.1 Es zeigt sich klar, dass Stressprävention nicht nur ein Nice-to-have ist, sondern essenziell für die Gesundheit der Mitarbeitenden.

In dieser Diskussion trifft man auch oft auf den Begriff Präsentismus: Dabei geht es um die Mitarbeitenden, die trotz gesundheitlicher Einschränkungen zur Arbeit erscheinen. Die Produktivität und Innovationen können dabei abnehmen, während Fehlerquoten zunehmen.4 Der Anteil von Präsentismus in Schweizer Unternehmen wurde von der Berner Fachhochschule im Auftrag der Versicherung SWICA untersucht. Dabei zeigte sich ein deutliches Bild: 52% (1466 Befragte) gaben an, in den letzten zwölf Monaten Präsentismus betrieben zu haben. Besonders die Team- und Führungskultur hat einen grossen Einfluss darauf, ob Mitarbeitende krank arbeiten. Die Folgen von Präsentismus sind fatal: Burn-out-Symptome steigen an, und die Lebens- und Arbeitszufriedenheit sowie der Gesundheitsstatus nehmen ab. Christoph Golz, Leiter der Studie, betont, dass branchenübergreifend Unterschiede festgestellt werden können. Personen in sozialen Berufen sind eher dazu bereit, krank arbeiten zu gehen, da sie sonst ein schlechtes Gewissen haben. Einige geben auch an, dass sich die Arbeit nur stapeln würde, oder es entsteht gar der Eindruck, dass man dies muss.5,6 Es zeigt sich, dass Kosten aufgrund Produktivitätsverlust nicht dem Absentismus, also abwesenden Mitarbeitenden, zugeschrieben werden kann, sondern dem Präsentismus.5

Betriebliches Mentoring im BGM

Bei der konkreten Förderung oder Einbettung des betrieblichen Gesundheitsmanagements kann ein*e betriebliche*r Mentor*in eingesetzt werden: Betriebliche Mentor*innen unterstützen Einzelpersonen, zum Beispiel Führungskräfte, dabei, sich zu entwickeln und mit den Herausforderungen der Arbeitswelt umzugehen. Angesetzt beim Individuum kann so ein ganzes Unternehmen oder eine Organisation gestärkt werden.

Damit setzt betriebliches Mentoring genau dort an, wo die Präsentismus-Forschung von Golz et al. (2023) den entscheidenden Hebel setzt: bei der Team- und Führungskultur. Mithilfe von betrieblichem Mentoring können Führungskräfte frühzeitig lernen, Überlastungssignale von Mitarbeitenden wahrzunehmen, Teamkommunikation zu fördern und selbst ein gesundes Arbeitsverhalten zu zeigen. So könnte den Mitarbeitenden die Angst vor einer Krankschreibung genommen und der Druck reduziert werden.6 So wird deutlich, dass betriebliches Mentoring bereits vor Überlastungen und Ausfällen ansetzt und so präventiv wirkt. Angesetzt beim Individuum hat es dennoch grosse Wirkungen für ein gesamtes Team oder eine Organisation.

Checkliste

  • Führen Sie eine anonyme Umfrage durch, um das Ausmass des Präsentismus zu ermitteln.
  • Schulen Sie Führungskräfte in der Erkennung früher Überlastungszeichen.
  • Etablieren Sie klare Richtlinien, die Krankschreibung ohne Stigmatisierung ermöglichen.
  • Implementieren Sie ergonomische Arbeitsplätze und gezielte Pausenregimes.
  • Nehmen Sie betriebliches Mentoring ins BGM-Konzept auf, um Individuen zu stärken.
  • Definieren Sie einen Prozess für die schrittweise Rückkehr nach längeren Ausfällen.
  • Reduzieren Sie strukturelle Stressfaktoren wie überhöhte Arbeitspensen aktiv.
  • Kommunizieren Sie offen über Gesundheit, um den Druck «krank arbeiten zu müssen» abzubauen.
  • Setzen Sie auf Frühintervention statt auf reine Reintegration nach dem Ausfall.
  • Messbare Ziele für die Stressreduktion im Team definieren und regelmässig überprüfen.

Gesundheit beginnt vor der Krise

Der Job-Stress-Index und der Präsentismus zeichnen gemeinsam ein eindeutiges Bild: Arbeitsbezogener Stress verursacht grosse Kosten. Nicht nur finanzielle Kosten für den Arbeitgeber, sondern auch gesundheitliche Kosten, physische sowie psychische, für die Arbeitnehmer.7 Reaktive Instrumente wie beispielsweise Abwesenheitsmanagement greifen oft etwas zu kurz, da sie erst dann einsetzen, wenn das Problem bereits eingetroffen ist und eine oder mehrere Personen ausgefallen sind. Genau daher sollte auf Prävention statt Reaktion gesetzt werden: Gesundheitsförderung in einem Betrieb und betriebliches Mentoring setzen frühzeitig an. Betriebliches Mentoring unterstützt auf der Individualebene und hat so einen grossen Einfluss auf eine ganze Organisation. Strukturelle Ursachen, die zum Arbeitsausfall führen, wie zum Beispiel zu hohe Arbeitspensen, kann betriebliches Mentoring jedoch nicht alleine lösen. Hier wird die Wichtigkeit der Prävention erneut deutlich: Sie setzt bei den Stellen an, welche ein reaktives System noch nicht erfasst hat, und kann verhindern, dass Mitarbeitende krank arbeiten. So ist Prävention für ein Unternehmen nicht nur kostengünstiger, sondern für die Arbeitgebenden und -nehmenden eine nachhaltige Unterstützung.

Quellenangaben

1 Gesundheitsförderung Schweiz (2022). Job-Stress-Index 2022. Faktenblatt 72. friendlyworkspace.ch/system/files/ documents/2022-10/Faktenblatt_072_GFCH_2022-08_-_Job Stress-Index_2022.pdf
2 SwissLife (2026, 27. Januar). Betriebliches Gesundheitsmanagement: gesunde Mitarbeitende als Erfolgsfaktor. www.swisslife.ch/de/unternehmen/ratgeber/betriebliches- gesundheitsmanagement.html
3 Gesundheitsförderung Schweiz (2020). Ihr Einstieg ins betriebliche Gesundheitsmanagement. gesundheitsfoerderung.ch sites/default/files/remote-files/Ihr_Einstieg_ins_betriebliche_ Gesundheitsmanagement.pdf
4 Gesundheitsförderung Schweiz (2024). Präsentismus. https://gesundheitsfoerderung.ch/glossary/praesentismus
5 Golz, C., Gerlach, M., Siegenthaler, T., Blättler, R. L. (2023). Forschungsprojekt Presenteeism at Work Occupational Health Management and Presenteeism among employees. Berner  Fachhochschule. www.bfh.ch/de/forschung/referenzprojekte/ presenteeism-at-work/
6 Imhasly, M. (2024, 22. November). Warum wir uns immer wieder krank zur Arbeit schleppen. SRF. www.srf.ch/news/schweiz/ volkskrankheit-praesentismus-warum-wir-uns-immer-wieder- krank zur-arbeit-schleppen
7 Henneberger, F. & Gämperli, M. (2014). Präsentismus: Ein kurzer Überblick über die ökonomische Relevanz eines verbreiteten Phänomens. Nr. 129 der Reihe Diskussionspapiere des Forschungsinstituts für Arbeit und Arbeitswelten an der Universität St. Gallen

FAQ: Krank arbeiten

Was versteht man unter Präsentismus?

Präsentismus bezeichnet das Phänomen, dass Mitarbeitende trotz gesundheitlicher Einschränkungen, Krankheit oder starker Erschöpfung zur Arbeit erscheinen. Dies führt oft zu sinkender Produktivität und steigender Fehlerquote.

Warum ist Präsentismus teurer als Abwesenheit?

Krank arbeitende Mitarbeitende sind weniger produktiv und fehleranfällig. Zudem steigt das Risiko für langfristige Erkrankungen wie Burn-out. Die unsichtbaren Kosten durch verminderte Leistungsfähigkeit übersteigen häufig die direkten Kosten einer kurzzeitigen Abwesenheit.

Welche Rolle spielt die Führungskultur?

Die Führungskultur ist ein zentraler Faktor. Wenn Vorgesetzte selbst unter Zeitdruck stehen oder keine klare Erwartungshaltung gegenüber Krankenstand signalisieren, fühlen sich Mitarbeitende gedrängt, krank zu arbeiten. Eine offene Kultur reduziert diesen Druck.

Wie kann betriebliches Mentoring helfen?

Mentoring unterstützt Führungskräfte dabei, Überlastungssignale frühzeitig zu erkennen und gesunde Arbeitsabläufe vorzuleben. Es wirkt präventiv, indem es die individuelle Resilienz stärkt und so ganze Teams entlastet.

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