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Nichtberufsunfälle: Wie können sie verhindert werden?

Jährlich verletzen sich schweizweit über 40 000 Personen in ihrer Freizeit so schwer, dass sie mindestens drei Monate arbeitsunfähig sind. Nichtberufsunfälle aller Art zu verhindern, ist die Aufgabe von Annick Rywalski, Leiterin Gemeinden und Unternehmen sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei der BFU — Beratungsstelle für Unfallverhütung. Wir haben mit ihr über Sportunfälle, Tempo 30 und den Stellenwert der Verhältnisprävention gesprochen.

07.10.2022 Von: Annick Rywalski
Nichtberufsunfälle

Annick Rywalski, was ist Ihre Aufgabe bei der BFU?
Ich bin Leiterin des Bereichs Gemeinden und Unternehmen und Mitglied der Geschäftsleitung. Dieser Bereich ist «die BFU vor Ort» und gliedert sich in drei Abteilungen: Schule und Familie, Sicherheitsdelegierte und Unternehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Angebote der BFU in allen Regionen der Schweiz zur Verfügung zu stellen.

Was ist die «Mission» der BFU?
Wir machen Menschen sicher. Mit sinnvollen und angemessenen Massnahmen reduziert die BFU vermeidbares menschliches Leid und volkswirtschaftliche Kosten. Das Ziel: Vor allem schwere und tödliche Unfälle sollen verhindert werden. Die BFU tut dies im öffentlichen Auftrag und positioniert sich als Vordenkerin auf dem Gebiet der Nichtberufsunfälle. In dieser Rolle forscht sie, entwickelt zukunftsorientierte Konzepte und gibt ihr Wissen durch Beratungen, Ausbildungen und Kommunikation an die Bevölkerung und Fachkreise weiter.

Sie beraten Unternehmen bei der Prävention von Freizeitunfällen ihrer Angestellten. Inwiefern haben diese die Pflicht oder das Recht, sich in die Freizeitgestaltung ihrer Mitarbeitenden einzumischen?
Es geht weder um Pflicht noch um Recht der Unternehmen. Es geht um eine Feststellung: In der Schweiz passieren zu Hause, im Garten oder beim Ausüben eines Hobbys doppelt so viele Unfälle wie bei der Arbeit. Über 40 000 Menschen verletzen sich so schwer, dass sie drei Monate oder länger bei der Arbeit ausfallen. Die Ausfälle wegen Nichtberufsunfällen haben für die Unternehmen einschneidende Folgen und bedeuten einen grossen administrativen und organisatorischen Aufwand: Jährlich gehen der Wirtschaft wegen Nichtberufsunfällen 7,5 Millionen Arbeitstage verloren. Doch auch die Mitarbeitenden wollen sich vor unfallbedingten Verletzungen schützen. Wenn die Arbeitnehmer gezielt Unfallgefahren und Präventionsmöglichkeiten aufzeigen, dann entspricht das einem Bedürfnis aller Beteiligten.

Worin unterscheiden sich Nichtberufsunfälle von Berufsunfällen?
Hauptsächlich unterscheidet sich der Kontext, in dem sich der Unfall ereignet: Ein Berufsunfall passiert am Arbeitsplatz, während ein Nichtberufsunfall in der Freizeit, beim Sport, bei Freizeitaktivitäten, zu Hause oder im Garten passiert. Die Unternehmen sind für die Arbeitssicherheit in ihrem Betrieb zuständig. Sie sind dafür verantwortlich, dass alle Sicherheitsmassnahmen umgesetzt werden, und tragen auch die Kosten dafür. Nichtberufsunfälle gehören nicht in den Zuständigkeitsbereich von Arbeitgebern. Dennoch können sie ihre Mitarbeitenden für die Thematik sensibilisieren. Dies aber auf freiwilliger Basis.

In welchem Kontext passieren am meisten Freizeitunfälle?
Im Bereich Haus und Freizeit bilden Stürze den grössten Unfallschwerpunkt. Die Letalität, d.h. die Anzahl Getötete pro 10 000 Verletzte, ist hingegen bei Unfällen mit Gefährdung der Atmung am höchsten. Im Sport gibt es beim Fussball die meisten Verletzten, beim Skifahren die meisten Schwerverletzten. Die meisten tödlichen Unfälle ereignen sich beim Bergwandern. Im Strassenverkehr verletzen sich am meisten Personen beim Velofahren. Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer werden aber am häufigsten schwer verletzt.

Gibt es saisonale Schwankungen?
Unfälle passieren das ganze Jahr über. Passend zur Saison sensibilisieren wir die Bevölkerung für die entsprechenden Präventionsthemen – etwa Alkohol am Steuer vor den Weihnachtsfeiertagen, Gartenarbeit im Frühling und Wanderungen im Sommer/Herbst.

Welches ist die «typische» Person, die verunfallt?
Nichtberufsunfälle können uns allen passieren. Es gibt keine typische Person, aber es gibt Risikofaktoren. Diese sind teilweise abhängig von der Person, etwa dem Alter, aber auch von der Infrastruktur, etwa der Verkehrsinfrastruktur für Fussgängerinnen und Fussgänger. Die BFU versucht deshalb, vor allem dort die Zahl der Unfälle zu reduzieren, wo neben einem sehr grossen Verletzungsrisiko auch eine hohe Fremdgefährdung oder eine geringe Freiwilligkeit vorliegt, z.B. bei Kindern auf dem Schulweg.

Wo legt die BFU die Präventionsschwerpunkte?
Die BFU ist in drei Bereichen aktiv: im Strassenverkehr, im Bereich Sport und Bewegung sowie im Bereich Haus und Freizeit. Primär richten sich die Aktivitäten nach dem Unfallgeschehen. Um ihre Aufgabe wirksam zu lösen, leitet sie ihre Aktivitäten aus dem Wissen über das Unfallgeschehen, über die Unfallursachen und über die Wirksamkeit sowie aus dem Kosten-Nutzen-Verhältnis von Massnahmen ab. Forschung und Wissensmanagement stellen deshalb die grundlegende Kernkompetenz der BFU dar. Im Bereich Strassenverkehr besteht ein Präventionsschwerpunkt in der fortlaufenden Verbesserung der Strassenraumgestaltung.

Können Sie die Präventionsarbeit an einem Beispiel illustrieren?
In unserem Bereich, der Abteilung Unternehmen, kommt beispielsweise eine mit der Sicherheit beauftragte oder für das HR verantwortliche Person eines Unternehmens auf uns zu und bittet uns um Unterstützung. Diese Person hat von der Geschäftsleitung den Auftrag erhalten, «etwas» gegen die vielen Unfälle und Absenzen aufgrund von Nichtberufsunfällen zu unternehmen. Der erste Schritt ist dann, in einem Gespräch die Ausgangslage des Unternehmens zu analysieren. Daraus entsteht in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen ein Mehrjahresprogramm. Unsere Aufgabe ist es, konkrete Vorschläge zu machen, wie die Präventionsarbeit umgesetzt werden kann. Z.B. schulen wir Sicherheitsberaterinnen und -berater und das Kader oder bieten Präventionsworkshops und Webinare an. Ausserdem geben wir SafetyKits mit den wichtigsten Präventionstipps zu verschiedenen Themen ab.

Wie haben sich die Unfallzahlen in den letzten Jahren entwickelt?
Beim Sport hat das Ausmass der schweren Unfälle in den letzten Jahren zugenommen, insbesondere beim Skifahren, Fussball und Wandern. Der Schweizer Strassenverkehr wurde insgesamt immer sicherer. Der Trend geht aber wieder in die andere Richtung. Mit Abstand am meisten Unfälle passieren aber in den eigenen vier Wänden und in der Freizeit, wobei Sturzunfälle in den letzten Jahren aus soziodemografischen Gründen am meisten zugenommen haben.

Wo gibt es am meisten Aufholbedarf bei der Präventionsarbeit?
Grosses Potenzial sehen wir beispielsweise im Strassenverkehr innerorts. Dieser liesse sich für den Fuss- und Veloverkehr deutlich sicherer machen. Fast zwei Drittel aller schweren Verkehrsunfälle passieren in der Schweiz innerorts. Allein auf Tempo-50-Strecken werden jährlich 1900 Verkehrsteilnehmende schwer verletzt, 80 kommen ums Leben. Mindestens ein Drittel dieser Unfälle liesse sich verhindern, wenn konsequent Tempo 30 auf Tempo-50-Strecken eingeführt würde.

Mit welchen einfachen «Mitteln» lassen sich Unfälle verhindern?
Mit Verhältnisprävention. Die Verhältnisprävention zielt darauf ab, Infrastruktur, Systeme und Produkte sicher zu machen. Sie ist wirkungsvoller und nachhaltiger als die Verhaltensprävention, die den Menschen zu einem sicheren Verhalten motivieren möchte. Unsere Präventionsaktivitäten zielen in erster Linie darauf ab, sichere Systeme zu schaffen. Mit der Verhältnisprävention sind beispielsweise sicher gebaute Strassen gemeint. Ein Beispiel ist das grosse Rettungspotenzial einer vermehrten Einführung von Tempo 30. Als ergänzende Daueraufgabe versuchen wir als BFU, Einfluss auf Verhaltensweisen der Menschen zu nehmen. Dies nennt sich Verhaltensprävention.

Zum Schluss: Hatten Sie bereits einmal einen Unfall?
Ich hatte als 14-Jährige einen Mofaunfall. Ein Autofahrer öffnete die Tür, ohne zuvor auf die Strasse zu schauen. Ich bin dann im Salto über die Autotür geflogen. Das Ereignis prägt mich bis heute. Ich verhalte mich besonders vorsichtig, wenn ich auf dem Velostreifen neben parkierten Autos vorbeifahren muss.

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