29.01.2015

Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz: Weshalb das Vertrauen genaue Planung und Kontrolle braucht

Die sogenannte Vertrauensarbeitszeit ist ein Modell der Arbeitsorganisation, bei dem die Erledigung vereinbarter Aufgaben im Vordergrund steht, nicht die zeitliche Präsenz des Arbeitnehmers. Auf die Dokumentation der Arbeitszeit wird ganz oder teilweise verzichtet. Es soll dem Arbeitnehmer freistehen zu entscheiden, wann er mit welchem Aufwand seine Arbeit erledigt. Es werden keine Überstunden mehr angehäuft. In den Fokus wird demnach das Arbeitsergebnis gerückt und nicht mehr die zeitliche Präsenz des Arbeitnehmers.

Von: Astrid Lienhart   Drucken Teilen   Kommentieren  

Astrid Lienhart

RA Astrid Lienhart ist nach mehrjähriger Tätigkeit an einem erstinstanzlichen Gericht selbständig praktizierende Rechtsanwältin in Zürich und verfügt über profunde Kenntnisse des Privat- und Prozessrechtes. Sie berät und vertritt KMU, Privatpersonen und Startups in allen Belangen des Arbeits-, Vertrags-, IT- und e-Commerce-Rechts sowie des Urheber- und des Wettbewerbsrechts und bearbeitet auch Mandate aus dem öffentlich-rechtlichen Sektor. In letzter Zeit sind vermehrt Vortragstätigkeiten zu ihrer Tätigkeit dazu gekommen. Auf WEKA Business Media erscheinen regelmässig Fachbeiträge und andere Publikationen von ihr.

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Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz

Bei der echten Vertrauensarbeitszeit wird vollständig auf die Erfassung der geleisteten Arbeitszeit verzichtet. Bei der unechten Vertrauensarbeitszeit wird die Arbeitszeiterfassung „im Vertrauen“ an den Mitarbeiter delegiert.

Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz für die allermeisten Arbeitnehmer (noch) ungesetzlich

Trotz des Rufs der Wirtschaft nach dieser Flexibilität ist an dieser Stelle klar festzuhalten, dass echte Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz mit dem geltenden Recht nicht in Einklang zu bringen ist. Ausnahme: Angestellte in Top-Kader-Positionen (CEO, CFO etc.). Die sind dem Arbeitsgesetz (ArG) nämlich nicht unterstellt. Für alle anderen Arbeitnehmer gilt Art. 73 Abs. 1 ArG Verordnung 1. Damit ist der Arbeitgeber verpflichtet, die geleistete (tägliche und wöchentliche) Arbeitszeit inkl. Ausgleichs- und Überzeitarbeit sowie ihre Lage (Anfang –und Endzeit sowie Pausen von mehr als einer halben Stunde) zu erfassen und zu dokumentieren.

Lockerung des SECO schafft keine Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz  

Das SECO hat diese äusserst rigide und an der Rechtswirklichkeit vieler Unternehmen vorbeigehende Regelung mit einer Weisung an die kantonalen Arbeitsinspektorate vom Dezember 2013 etwas gelockert. Neu können Arbeitgeber mit Arbeitnehmern, welche einen wesentlichen Entscheidungsspielraum in der Arbeit haben, ihre Arbeit weitgehend selber planen und auch selbst entscheiden, wann sie arbeiten, die vereinfachte Dokumentation der Arbeitszeiterfassung vereinbaren, sofern nicht regelmässig Sonntags- und Nachtarbeit geleistet wird. In diese Kategorie Arbeitnehmer fallen Kaderleute mit Weisungsrecht, vollamtliche Projektleiter, oder andere Mandatsträger mit Ergebnisverantwortung.

Die Vereinfachung in der Zeitdokumentation besteht darin, dass für diese Kategorie Arbeitnehmer lediglich die tägliche Gesamtarbeitszeit erfasst werden muss. Wieviel Erleichterung dies tatsächlich bringt, wird sich erst zeigen müssen. Mit der echten Vertrauensarbeitszeit hat dieses Modell indessen wenig zu tun.

Bei der Vereinbarung der erleichterten Zeitdokumentation darf nämlich keinesfalls übersehen werden, dass diese – im Gegensatz zur echten Vertrauensarbeitszeit – für sich alleine keine Aussagen über die Entschädigung von Überstunden/Überzeit bzw. den Verzicht auf eine Entschädigung macht. Die erleichterte Zeitdokumentation stellt genau keine echte Vertrauensarbeitszeit dar, bei der keine Überstunden angehäuft werden können. Es kann also auch bei der erleichterten Zeitdokumentation ein Streit um die Entschädigung von Überstunden bzw. von Überzeit entstehen und damit sieht sich ein Betrieb unverändert mit der komplexen Problematik dieser Fragestellungen und Abgrenzungen konfrontiert. Diese im Voraus schriftlich zu regeln, bleibt nach wie vor ein Muss.

Freiheit, aber keine Partnerschaftlichkeit

Ein grosser Vorteil der echten Vertrauensarbeitszeit ist sicherlich die Freiheit des Arbeitnehmers, die sich positiv auf „Flow“ und Kreativität auswirken soll (und sicher auch tut) und damit bessere Ergebnisse fördert. Indessen darf nicht vergessen werden, dass ein Arbeitnehmer per definitionem in einem untergeordneten Verhältnis zum Arbeitgeber steht und weisungsgebunden ist. Das Konzept der Vertrauensarbeitszeit scheint den idealen Arbeitnehmer aber zu einem selbstverantwortlichen, selbstorganisierten und selber planenden Partner auf Augenhöhe hieven zu wollen. In einem Übermass sind diese Qualitäten dem Arbeitsvertrag indessen fremd – ein Arbeitnehmer ist nie ein Partner und er sollte auch nicht über Gebühr Unternehmensrisiken mittragen.

Eingrenzung und Planung sind notwendig

Sollte die echte Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz auch für weitere Arbeitnehmergruppen dereinst möglich sein, sollte der Führungsaufwand nicht unterschätzt werden, welcher Voraussetzung für den Erfolg dieses neuen Arbeitszeitmodelles darstellt. Wenn – anders als im klassischen Arbeitsvertrag, bei dem Arbeitskraft gegen Lohn im Austauschverhältnis stehen – Arbeitsergebnisse gegen Lohn vereinbart werden, ist damit gesagt, dass jemand diese Ergebnisse sowohl in qualitativer als auch in zeitlicher Hinsicht genaue Planung erfordert, damit eine faire Leistungsbeurteilung und Entlöhnung erfolgen kann. Dabei ist die Frage nach den Anreizen sehr genau zu beachten, denn wohin falsche Anreize gepaart mit mangelhafter Kontrolle führen können, haben die letzten Jahre im Bankensektor deutlich gezeigt. Die Planung in zeitlicher Hinsicht ist insbesondere auch deshalb wichtig, weil Überarbeitung einzelner Arbeitnehmer verhindert werden muss. Es scheint bei genauerem Hinsehen, dass wer vertrauen will, einen sehr klaren Rahmen dafür zu schaffen hat.

Im Übrigen ist nach Meinung der Verfasserin miteinzubeziehen, dass die durchschnittliche Arbeitsbelastung von qualifizierten Mitarbeitern in den letzten Jahren/Jahrzehnten ständig zugenommen hat und dass ehemals fixe Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit durch die ständige Erreichbarkeit der Arbeitnehmer über Smartphones stark aufgeweicht wurden. Die Kontrolle und die Einhaltung der Arbeitszeiten ist ein sehr wichtiger Faktor des Gesundheitsschutzes und sollte in Zeiten grassierender Zunahme von Krankheitsbildern wie Depressionen und Burnout nach wie vor gewichtet wenn nicht sogar verstärkt werden.

Zusammenfassung

Echte Vertrauensarbeitszeit mit ihren Vorteilen ist unter geltendem Recht nur für das Topkader möglich. Die Vereinbarung der erleichterten Zeitdokumentation ist einer genau bestimmten Gruppe von Arbeitnehmern vorbehalten und schafft keine Vertrauensarbeitszeit in der Schweiz. Wieviele Vorteile das Modell bringt, wird sich zeigen. Für den grössten Teil der Arbeitnehmer gilt die volle Dokumentationspflicht gemäss ArGV1 nach wie vor.

Sollte die echte Vertrauensarbeitszeit dereinst einmal für weitere Gruppen von Arbeitnehmern möglich werden, so ist der Arbeitgeber in mancherlei Hinsicht gefordert. Es gilt zu planen, zu definieren, zu vereinbaren und zu überwachen, damit die neuen Freiheiten die erhofften Früchte hervorbringen können.

Vereinfachte Dokumentation der Arbeitszeit - So wird's gemacht:

  1. Schriftliche Vereinbarung mit dem betreffenden Mitarbeiter für die Dauer von jeweils einem Jahr, wonach auf die lückenlose Arbeitszeiterfassung verzichtet werde;
  2. Festhalten, dass das Sonntags- und Nachtarbeitsverbot gilt und einzuhalten ist (ausser bei Bewilligung oder gemäss Art. 2 ArGV);
  3. Festhalten der gesetzlichen Vorgaben zu Ruhezeiten und Pausen.
  4. Zudem muss am Ende jedes Jahres ein protokolliertes Mitarbeitergespräch geführt werden, bei welchem die zeitliche Arbeitsbelastung besprochen wird. Dieses Protokoll ist zusammen mit den vereinfachten Arbeitszeitdokumentationen bei einer allfälligen Kontrolle durch das Arbeitsinspektorat bereit zu halten.

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