26.09.2016

Arbeitszeitmodelle: Flexibilität als Wettbewerbsvorteil

Flexible Arbeitszeitmodelle werden immer beliebter. Insbesondere die Jahresarbeitszeit hat sich in der Schweiz als praktikables Modell erwiesen.

Von: Ralph Hofbauer   Drucken Teilen   Kommentieren  

Ralph Hofbauer

Ralph Hofbauer ist Chefredaktor des HR-Magazins personalSCHWEIZ. Zudem ist er als freier Journalist tätig.

 

 

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Arbeitszeitmodelle

Die Normalarbeitszeit ist heute nicht mehr die Norm. Das starre Zeitgerüst des 8-Stunden-Tags und der 40- bzw. der 42-Stunden-Woche hat sich seit den frühen 90er-Jahren merklich gelockert. Mittlerweile hat sich eine grosse Bandbreite flexibler Arbeitszeitmodelle etabliert, die Arbeitgebern und Arbeitnehmern mehr Spielraum bei der Arbeitszeitgestaltung bieten. Im Idealfall profitieren beide Parteien von mehr Flexibilität: Unternehmen können flexibler auf die Kundenbedürfnisse und Marktverhältnisse reagieren und die Mitarbeitenden geniessen mehr Freiheiten bei ihrer Lebensgestaltung. Ob mit Teilzeit, Gleitzeit oder Jahresarbeitszeit – die Arbeit lässt sich heute einfacher mit der Familie oder einem zeitintensiven Hobby vereinbaren als noch vor zehn Jahren.

Neben den kurzfristigen privaten und familiären Bedürfnissen berücksichtigen moderne Arbeitszeitmodelle zunehmend auch die berufliche Biografie der Arbeitnehmenden berücksichtigt. Mitarbeitende erhalten beispielsweise die Möglichkeit, auf Langzeitkonten Überstunden für ein Sabbatical oder eine frühzeitige Pensionierung anzusparen. «Historisch gesehen zeigt sich in der Arbeitszeitgestaltung eine Tendenz zur Ausdehnung des Zeithorizonts», sagt Toni Holenweger, Arbeitszeitberater und Geschäftsführer der Gruppe Corso. «Während man früher von der Tages- und der Wochenarbeitszeit ausging, spricht man heute von der Jahres- und der Lebensarbeitszeit.»

Jahresarbeitszeit boomt

Das Modell der Jahresarbeitszeit (JAZ) erfreut sich in der Schweiz wachsender Beliebtheit. Toni Holenweger schätzt aufgrund einer repräsentativen Umfrage der Gruppe Corso, dass bereits die Hälfte der Schweizer Unternehmen die Jahresarbeit eingeführt hat – wenn auch teilweise lediglich reglementarisch, ohne das Modell konsequent in die Praxis umzusetzen. Die Jahresarbeitszeit bietet insbesondere Unternehmen aus der Industriebranche einen entscheidenden Vorteil: «Mit der Jahresarbeitszeit haben Unternehmen mehr Spielraum, um saisonale und marktbedingte Schwankungen auszugleichen», erläutert Holenweger.

SR Technics hat 2005 die Jahresarbeitszeit eingeführt, da das Flugzeugwartungsunternehmen Mühe hatte, vor allem saisonbedingte Auftragsschwankungen mit dem klassischen Schichtbetrieb und dem gängigen Gleitzeitmodell aufzufangen. Wie viele Firmen hat dabei auch SR Technics die Erfahrung gemacht, dass die Einführung neuer Arbeitszeitmodelle bei den Mitarbeitenden Verunsicherung auslösen kann: «Vor allem ältere Mitarbeitende waren zu Beginn eher skeptisch gegenüber dem neuen Modell. Die Schulung hat jedoch eine breite Akzeptanz gebracht», sagt Willy Sonderer, Projektverantwortlicher von SR Technics.

Ampelkonto sorgt für Ausgleich

Die Jahresarbeitszeit bietet nicht nur dem Unternehmen, sondern auch den Mitarbeitenden Vorteile, da diese ihre tägliche Arbeitszeit innerhalb der gesetzlichen und  der betrieblichen Rahmenbedingungen mitbestimmen können. Allerdings kommen dabei die Interessen der Mitarbeitenden manchmal zu kurz: «Es besteht die Gefahr, dass der Arbeitgeber die Arbeitszeit einseitig diktiert. Dies hat viel zum schlechten Image der Jahresarbeitszeit beigetragen», sagt Toni Holenweger, der mit der Gruppe Corso neben anderen Unternehmen auch SR Technics bei der Implementierung der Jahresarbeitszeit unterstützt hat. Um einen Missbrauch des Modells zu verhindern, hat Holenweger das sogenannte Ampelkonto entwickelt, ein Steuerungsinstrument, das mittlerweile von vielen Unternehmen eingesetzt wird. «Die Grundidee war es, mit dem Ampelkonto einen Ausgleich zwischen den Interessen des Unternehmens und denjenigen der Mitarbeitenden zu schaffen», führt Holenweger aus.

Die jährlichen Soll-Arbeitsstunden errechnen sich bei der Jahresarbeitszeit aus der Anzahl Arbeitstage multipliziert mit der mit der durchschnittlichen täglichen Arbeitszeit gemäss Arbeitsvertrag. Am Ende des Arbeitszeitjahres werden die Zeitsaldi ausgeglichen, wobei Plussaldi auf verschiedene Arten bezogen werden, etwa durch Kompensation, Auszahlung oder Übertrag auf ein Langzeitkonto. Das Ampelkonto, das nach dem Vorbild einer Verkehrsampel aufgebaut ist, zeigt den Mitarbeitenden laufend, ob sie im Vergleich zu ihrem vertraglich vereinbarten Pensum im Vorsprung oder im Rückstand sind.

Arbeitszeitmodelle, bei denen Zeit keine Rolle spielt

Bei der Jahresarbeitszeit muss die Arbeitszeit zur Überwachung der Zeitkonten konsequent erfasst werden. In anderen Branchen und Bereichen ist die Arbeitszeiterfassung hingegen weniger relevant: «Ein Verkäufer muss Produkte und nicht Zeit verkaufen. Auch in Führungspositionen verliert Zeit als Bemessungsgrundlage zunehmend an Bedeutung», sagt Toni Holenweger. Diese Tendenz zeigt sich unter anderem in den Bestrebungen der Schweizer Banken, die gesetzliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung aufzuheben.

Wie in Kaderpositionen ist auch dort, wo Kreativität gefragt ist, Zeit eine fragwürdige Masseinheit: «Kreativität lässt sich nicht mit Zeit messen. Für uns zählt die Leistung und nicht die Präsenz», sagt Alexis Caceda, CEO des IT-Unternehmens Netstream. Caceda ist fest davon überzeugt, dass für sein Unternehmen ein konsequent leistungsorientiertes Modell das Beste wäre. Auf einer Geschäftsreise in den USA hat Caceda das Modell Results Only Work Environment (ROWE) kennengelernt, bei dem die Arbeitszeit überhaupt keine Rolle mehr spielt. Stattdessen zählen allein die Resultate der Arbeit. In den USA erfreut sich ROWE bereits grosser Beliebtheit, in der Schweiz haben das Modell jedoch erst eine Handvoll Firmen eingeführt.

Netstream sucht bislang vergeblich nach einem Beratungsunternehmen, das die Einführung des Modells professionell begleiten könnte. Die Programmierer und die Führungsverantwortlichen des IT-Unternehmens arbeiten deshalb nach wie vor mit Vertrauensarbeitszeit, der Support mit Gleitzeit. Das durchschnittlich 28 Jahre junge Team geniesst viele Freiheiten, weshalb Selbstverantwortlichkeit und Selbstdisziplin besonders wichtig sind. Obwohl die Abteilungsleiter nicht zur Zeiterfassung verpflichtet wären, schreibt ein Grossteil die Stunden trotzdem auf. «Das Aufschreiben der Stunden dient lediglich der Selbstkontrolle und gibt den Mitarbeitenden Sicherheit», sagt Caceda.

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