14.06.2017

Lohnfortzahlung bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit: Richtig und gerecht rechnen

Die Lohnfortzahlung sorgt in der Praxis immer wieder für Unsicherheiten. Insbesondere bei einer teilweisen Arbeitsunfähigkeit ist häufig nicht klar, wie diese genau anzurechnen ist. Folgende Berechnungsbeispiele zeigen, wie richtig gerechnet wird.

Von: Thomas Wachter   Drucken Teilen   Kommentieren  

Thomas Wachter

Nach mehreren Stellen in verschiedenen Unternehmungen, arbeitet T. Wachter nun seit 12 Jahren im Personalamt des Kantons Luzern. Früher als Bereichspersonalleiter, Leiter Personal- und Organisationsentwicklung, aktuell als Leiter HR-Support sowie Mitglied der Geschäftsleitung. Weitere Tätigkeiten sind: Lehrgangsleitungen und Dozent für Personalmanagement, -administration und -führung. T.Wachter ist unter anderem Autor und Herausgeber der WEKA-Werke «PersonalPraxis» und «Praxisleitfaden Personal».

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Lohnfortzahlung bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit

Lohnfortzahlung bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit häufig falsch gerechnet

Gemäss OR Art. 324a hat der Arbeitgeber bei der Lohnfortzahlung den Lohn für eine beschränkte Zeit zu entrichten – und nicht während einer beschränkten Zeit. Daraus folgt, dass bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit ohne Gegenleistung der Lohn für die gesamte «beschränkte Zeit» geschuldet ist, auch wenn sich die teilweisen Absenzen über eine längere Zeitdauer erstrecken.

In der Praxis wird die Lohnfortzahlung bei einer teilweisen Arbeitsunfähigkeit häufig falsch gerechnet, nämlich so, als wäre die Lohnfortzahlung während einer beschränkten Zeit zu entrichten. Das folgende Beispiel veranschaulicht dies:

Praxisbeispiel
Ein Arbeitnehmer ist im ersten Dienstjahr zu 50 Prozent krankgeschrieben. Der Arbeitgeber bezahlt ihm den vollen Lohn während drei Wochen und anschliessend nur noch den Lohn für die erbrachte Arbeitsleistung von 50 Prozent.

Die Anwendung der Lohnfortzahlung in diesem Beispiel ist nicht korrekt. Der Arbeitnehmer hat einen Anspruch auf Lohnfortzahlung für drei volle Wochen. Die Lohnfortzahlung dauert im vorliegenden Fall deshalb nicht drei Wochen, sondern vielmehr sechs, da sie für eine beschränkte Zeit zu entrichten ist.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Zum gleichen Resultat kam das Obergericht des Kantons Solothurn, das sich mit der Frage auseinandergesetzt hat, wie die Lohnfortzahlung bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit zu handhaben ist. Die Überlegung des Gerichts war folgende: Es kann nicht sein, dass ein Arbeitnehmer beispielsweise wegen einer Arbeitsunfähigkeit von 20 Prozent schon nach kurzer Zeit den Anspruch auf die Lohnfortzahlung verwirkt hat. Dies würde zu Ungerechtigkeiten und Zufälligkeiten führen, indem je nach Reihenfolge von verschiedenen Absenzen die Lohnfortzahlung völlig unterschiedlich ausfallen würde.

Analog zum Urteil des Obergerichts des Kantons Solothurn geht die heute vorherrschende Lehre davon aus, dass bei der Lohnfortzahlung nach OR 324a das Geldminimum gilt. Bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit ist also der Lohnfortzahlungsanspruch auf einen längeren Zeitraum umzurechnen, wie folgende Beispiele zeigen:

 

Lohnfortzahlung nach SkalaArbeitsunfähigkeitaufgerechnete Lohnfortzahlung
15 Wochen50 %30 Wochen
12 Wochen60 %20 Wochen
3 Wochen80 %3,8 Wochen

Schauen wir uns das erste Beispiel aus der Tabelle unten einmal im Detail an. Bei einer Lohnfortzahlung von 15 Wochen gemäss Skala beträgt die aufgerechnete Lohnfortzahlung bei einer Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent 30 Wochen:

 

Beginn Arbeitsunfähigkeit15.4.2016
Grad Arbeitsunfähigkeit50%
LohnCHF 6000.–
Lohnfortzahlung nach Skala15 Wochen
Lohnfortzahlung bei 50%30 Wochen
Ende Lohnfortzahlung

10.11.2016

 

MonateLohnLohnfortzahlungTotal
AprilCHF 4 400.-CHF 1 600.-CHF 6 000.-
MaiCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
JuniCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
JuliCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
AugustCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
SeptemberCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
OktoberCHF 3 000.-CHF 3 000.-CHF 6 000.-
NovemberCHF 3 000.-CHF 1 000.-CHF 4 000.-
DezemberCHF 3 000.-CHF 3 000.-
Total CHF 20 600.--

Berechnung mit dem Geldminimum

Alternativ kann auch direkt mit dem Geldminimum gerechnet werden. Hierfür wird erst der gesamte Lohnfortzahlungsbetrag ermittelt:  

Die Lohnfortzahlung in den einzelnen Monaten wird darauf auf den gesamten Lohnfortzahlungsbetrag von CHF 20 697.60 abgestimmt:

 

MonatLohnLohnfortzahlungTotal
AprilCHF 4 400.–CHF 1 600.–CHF 6 000.–
MaiCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
JuniCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
JuliCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
AugustCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
SeptemberCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
OktoberCHF 3 000.–CHF 3 000.–CHF 6 000.–
NovemberCHF 3 000.–CHF 1 097.60CHF 4 197.60
DezemberCHF 3 000.–CHF 0.–CHF 3 000.–
Total CHF 20 697.60

Welche Methode wählen?

Die beiden Berechnungsmethoden führen nicht exakt zum gleichen Resultat, da in der zweiten Berechnung mit dem Geldminimum das Jahr «normalisiert» ist. Zwischen April und November liegt die Mehrheit der Monate mit 31 Tagen, was zu der Differenz führt.

Es sind beide Berechnungsarten möglich, wobei die Methode nicht von Fall zu Fall gewechselt werden sollte, sondern einheitlich umzusetzen ist. Die zweite Berechnungsweise mit dem Geldminimum dürfte in der Regel einfacher sein, da die Berechnung bei der ersten Methode oft nicht zu ganzen Wochen führt (z.B. 11,25 Wochen), was bei der Umrechnung auf ein Datum zu Schwierigkeiten führt.

Die Lohnfortzahlung endet in unserem Beispiel erst im November, da insgesamt der ganze Betrag der Lohnfortzahlung geleistet werden muss. Wechselt in der Zwischenzeit das Anstellungsjahr, so beginnt die Lohnfortzahlung neu zu laufen. Es ist also der Betrag für das neue Anstellungsjahr zu rechnen und wiederum die volle Lohnfortzahlung bis zur Erschöpfung des Betrages zu leisten.

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