21.09.2018

AHV Schweiz: 70 Jahre AHV - wie weiter?

1948 wurde die AHV eingeführt. Heute steht sie wegen der demografischen Entwicklung vor grossen Herausforderungen. Das umfassende Reformpaket Altersvorsorge 2020 ist im September 2017 an der Urne gescheitert. Nachdem die Eckpunkte des neuen Revisionsversuchs bekannt sind, wird das EDI bis Ende 2018 die Botschaft an das Parlament verabschieden.

Von: René Mettler  DruckenTeilen Kommentieren 

René Mettler, eidg. dipl. Versicherungsfachmann

René Mettler arbeitet nach über zwanzigjähriger Erfahrung in den Schadenabteilungen von Versicherungsgesellschaften und nach seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Schleudertrauma-Verbandes seit 2002 als selbständiger Berater für verunfallte und erkrankte Personen in Versicherungs- und Leistungsfällen. Er ist in den Bereichen Haftpflicht-, Versicherungs- und Sozialversicherungsrecht Dozent an verschiedenen Schulen/Fachhochschulen.

 zum Portrait

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben. Wir freuen uns, wenn Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel verfassen.
 
Kommentar schreiben

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben! Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte Wert angeben!

Bitte alle fett beschrifteten Pflichtfelder ausfüllen.
Zurücksetzen
 

Einleitung

Das Revisionsziel ist, das Rentenniveau zu erhalten und die Altersvorsorge mittelfristig ausreichend zu finanzieren. Zudem sollte dem Bedürfnis nach Flexibilität des Altersrücktritts besser Rechnung getragen werden.

Worum geht es?

Frauenrentenalter

In der AHV soll ein Referenzalter von 65 Jahren für Frauen und Männer eingeführt werden, womit das AHV-Rentenalter von heute 64 auf 65 Jahre steigt. Das Frauenrentenalter wird ab dem Jahr nach Inkrafttreten der Revision jährlich um drei Monate erhöht. Auf ein Inkrafttreten hofft der Bundesrat per 1. Januar 2021.

Voraussichtliche Erhöhung des Frauenrentenalters (Abbildung)

Für die Erhöhung des Frauenrentenalters sind Ausgleichsmassnahmen für tiefere Einkommen vorgesehen. Hierzu lässt der Bundesrat drei Varianten zur Finanzierung ausarbeiten:

  • allein Erträge aus der Mehrwertsteuer;
  • allein aus Lohnbeiträgen;
  • Kombination von Mehrwertsteuer und Lohnbeiträgen.

AHV-Statistik 2016 (Quelle: BSV)

in Mia. (CHF)

Beiträge Versicherte und Arbeitgeber

30,862

Bund

8,315

MwSt. und Spielbanken

2,581

Kapitalertrag, Kapitalwertänderung

1,205

Regress, Übriges

0,006

Total Einnahmen

42,969

Total Ausgaben

42,530

Betriebsergebnis

0,438

Umlageergebnis
(ohne Kapitalertrag, Zinsgutschriften der IV und Kapitalwertänderung)

–0,767

Kapital

44,668

Flexibilisierung des Rentenbezugs

Die ganze AHV-Rente kann heute ein oder zwei Jahre vor Erreichen des AHV-Rentenalters vorbezogen oder um längstens fünf Jahre aufgeschoben werden, wobei ein Aufschub mindestens für ein Jahr gilt. Anschliessend kann die AHV-Rente auf den nächsten Kalendermonat abgerufen werden.

Neu soll zwischen 62 und 70 Jahren die ganze AHV-Rente oder ein Teil davon bezogen werden können.

Das Referenzalter 65 sowie die Möglichkeit zum Vorbezug und zum Aufschub mit Teilrenten werden auch in der beruflichen Vorsorge (BVG) verankert. Damit entfallen die reglementarischen Möglichkeiten einer vorzeitigen Pensionierung in der zweiten Säule vor Erreichen des 62. Lebensjahres. Wenn reglementarisch vorgesehen, ist heute eine vorzeitige Pensionierung bereits nach Beendigung des 58. Lebensjahres möglich.

Die Weiterarbeit nach dem Referenzalter 65 wird mit Anreizen gefördert:

  • kleinere Einkommen von Altersrentnern sind weiterhin nicht beitragspflichtig (CHF 1400.–/Monat; CHF 16 800.–/Jahr pro Arbeitgeber).
  • mit AHV-Beiträgen nach Erreichen des Referenzalters 65 sollen die AHV-Rente verbessert und Beitragslücken geschlossen werden.

Wer in der Schweiz erst nach dem 21. Altersjahr der AHV unterstellt wird (im Besonderen Zuwanderer), kann durch eine weitere Erwerbstätigkeit nach Alter 65 zusätzlich Beitragsjahre erwerben, was seine Teilrente erhöht.

Mittelfristige Finanzierung der AHV

Die mittelfristig ausreichende Finanzierung der AHV wird mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer erreicht. Dafür ist eine einmalige Erhöhung um maximal 1,7 Prozentpunkte bei Inkrafttreten der Reform vorgesehen. Eine Etappierung sei verworfen worden, weil so der Aufschlag 1,9 Prozentpunkte betragen würde, sagte Bundesrat Alain Berset. Die vorgeschlagene Erhöhung bringt der AHV prognostisch bis 2036 CHF 6,5 Mia. jährlich ein.

Bei den Beratungen zur gescheiterten Altersreform 2020 hat das Parlament die damals geplante Erhöhung in mehreren Schritten zurückgestutzt.

Die Berechnungen basieren darauf, dass die Reform im Jahr 2021 in Kraft treten kann und die AHV-Finanzen für mindestens zwölf Jahre, also bis 2033, gesichert sind.

Welche Massnahmen hat der Bundesrat verworfen?

Diskutiert und verworfen hat der Bundesrat: eine reine Finanzierungsvorlage, die keinerlei Anpassungen bei der AHV enthalten hätte; eine Ausgleichsmassnahme zugunsten der Frauen mit einem Aufwertungsfaktor bei der Rentenberechnung, finanziert durch Mehrwertsteuer und Lohnbeiträge.

Zeitplan für die Revision der AHV

Der Bundesrat hat dem Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) den Auftrag erteilt, für die AHV-Vorlage bis zu den Sommerferien einen Vorentwurf für die Vernehmlassung zu erarbeiten. Dem Parlament soll bis Ende 2018 eine Botschaft unterbreitet werden. Voraussichtliches Inkrafttreten 2021.

Gesicherte AHV-Renten bis 2033? (Abbildung)

Kommentar

Der Vorschlag des Bundesrates setzt beim erneuten Revisionsversuch zu einseitig auf massive Mehreinnahmen, damit das Leistungsniveau erhalten werden kann. Die gescheiterte Reform «Altersvorsorge 2020» ist aber an diesem Punkt gescheitert.

Wer erinnert sich noch an den Generationenvertrag, diesen ungeschriebenen und von niemandem unterzeichneten Vertrag zwischen den Generationen. Die AHV, eine der Forderungen des Generalstreiks vor genau hundert Jahren, wurde 30 Jahre danach eingeführt. Es ging wie im 19. Jahrhundert in England und Deutschland nicht darum, wohltätig zu sein, sondern die Arbeiterschaft zu beruhigen und den innerstaatlichen Frieden zu bewahren.

Historisch betrachtet, geht es in der anlaufenden Diskussion um eine der gleichen Fragen, nämlich darum, wer soll die Kosten tragen. Arbeitnehmende und Arbeitgeber oder nur Arbeitnehmende? Unternehmen und Arbeitgeber interessiert die MwSt.-Erhöhung nicht; für sie ist sie kostenneutral.

Erhaltung des Leistungsniveaus bedeutet heute offensichtlich grundsätzlich die Beibehaltung der bisherigen Leistungen. Verfassungsgemäss ist aber die Sicherung eines angemessenen Existenzbedarfs vorgesehen. Bei gleichen Leistungen werden AHV-Rentner bei der Erhöhung der MwSt. zusätzlich zur Kasse gebeten. Gleiche Leistungen wie früher, neu aber noch höhere Auslagen für den Lebensunterhalt.

Zur Sicherung der AHV besteht unzweifelhaft Reformbedarf. Chancen auf einen Erfolg hat eine Vorlage nur, wenn sie als ausgewogen wahrgenommen wird und im Parlament möglichst breit abgestützt ist. An den jüngsten Plänen des Bundesrates, die nur auf eine Erhöhung des Frauenrentenalters und Mehreinnahmen abzielen, könnte auch die vorgesehene AHV-Reform scheitern.

Mit dem aktuellen Reformvorschlag wird die längst überfällige Diskussion über eine generelle Erhöhung des Rentenalters möglichst lange hinausgeschoben. In diesem Punkt sind die Unternehmen gefordert, auch ältere Arbeitnehmende zu beschäftigen, um das spätere Rentenalter überhaupt zu ermöglichen.

Möchten Sie über das weitere Vorgehen zur AHV Schweiz informiert bleiben? Abonnieren Sie jetzt den «Newsletter Lohn und Sozialversicherungen» und Sie erhalten frühzeitig die Vorschau auf die neuesten Änderungen. Über 8'000 Abonnenten vertrauen bereits in unsere Print-Newsletters.

Rentengefälle und Altersarmut

In der heutigen Rentnergeneration verfügen 45% der Frauen über keine zweite Säule (BVG). Bei den Männern sind es lediglich 22%. Für diese Personen besteht das einzige Renteneinkommen aus den AHV-Renten und gegebenenfalls aus Ergänzungsleistungen zur AHV/IV (EL). Dazu kommen pensionierte Menschen, deren Renten aus AHV und beruflicher Vorsorge (BVG) nicht ausreichen, um den Lebensabend in angemessener Weise zu verbringen. Das Armutsrisiko trifft jeden achten älteren Mensch in der Schweiz, zweimal so stark Frauen als Männer.

Über 75 Prozent der Armutsbetroffenen leben zu Hause und benötigen zur Existenzsicherung Ergänzungsleistungen zur AHV/IV (EL). Die Zahl der Bedürftigen dürfte wesentlich höher liegen, weil sich viele Betroffene schämen, ihre Ansprüche geltend zu machen. 2016 wurden insgesamt CHF 4,9 Mia. Ergänzungsleistungen an Bezüger von AHV- und IV-Renten ausbezahlt, davon CHF 2,9 Mia. an AHV-Bezüger.

Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit

Statistische Zahlen können gut gemeint, aber trügerisch sein. Die Arbeitslosenquote stellt den Anteil der arbeitslosen Personen an der Gesamtzahl der Erwerbspersonen dar. Als Erwerbspersonen werden jene Personen bezeichnet, welche zwischen 15 und 65 Jahren, arbeitsfähig sind und arbeiten wollen. Studierende (abgesehen von jenen mit Nebenjobs) und Altersrentner gehören nicht zu den Erwerbspersonen. Erstere wollen nicht arbeiten (weil sie studieren) und Letztere befinden sich ausserhalb der Altersgrenze. Nicht erfasst werden vom Bundesamt für Statistik (BfS) zudem ausgesteuerte Personen, die keine Arbeitslosenentschädigung mehr erhalten. Das belastet die Sozialhilfe und die Ergänzungsleistungen zur AHV/IV (EL). Diese belasten zunehmend Gemeinden, Kantone und den Bund. Das sind wir Steuerzahler.

Ältere Arbeitnehmende

Arbeitslose Personen ab 55 haben es besonders schwer, wieder eine Arbeitsstelle zu finden, und werden in der Arbeitslosenversicherung überdurchschnittlich häufig ausgesteuert. Für eine Mehrheit der ausgesteuerten Personen dieser Altersgruppe ist es nicht mehr möglich, eine existenzsichernde Tätigkeit zu finden. Die Folge ist vielfach ein sozialer und wirtschaftlicher Abstieg bis zum Erreichen des AHV-Alters, der immer häufiger zu einer Anmeldung bei der Sozialhilfe führt. Zwischen 2010 und 2016 ist die Zahl der Sozialhilfebeziehenden zwischen 55 und 64 Jahren um über 50 Prozent gestiegen. Das ist nur die halbe Wahrheit, weil die Mehrzahl der ausgesteuerten Personen gar nicht in die Sozialhilfe kommt und mit privaten Reserven die Zeit bis zur Pensionierung überbrückt. Ihr Angespartes schmilzt wie Schnee an der Sonne. Die Ausgaben für Sozialhilfe im engeren Sinn – auch wirtschaftliche Sozialhilfe genannt – betrugen 2016 CHF 2,7 Mia.

Um zu verhindern, dass diese Personen definitiv aus dem Arbeitsmarkt herausfallen und in die Sozialhilfe abgedrängt werden, fordert die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), dass über 55-Jährige nicht mehr von der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert werden.

BVG

Auch die zweite Säule, die berufliche Vorsorge (BVG), hat Reformbedarf. Der Bundesrat will das weitere Vorgehen vorab am runden Tisch mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen diskutieren.

Seminar-Empfehlung

Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

Schwierige Gespräche erfolgreich führen

Kommunikationsmodelle, Tipps, Tricks und Hilfsmittel

Schwierige Gespräche – leicht gemacht: Lernen Sie, thematisch und situativ heikle Gespräche souverän zu führen, Coaching-Werkzeuge gezielt einzusetzen und Konflikte konstruktiv zu lösen.

Nächster Termin: 05. März 2019

mehr Infos

Produkt-Empfehlungen

  • Der HR-Profi

    Der HR-Profi

    Schritt-für-Schritt Anleitungen. Umsetzungsbeispiele. HR-Kompetenzen.

    CHF 98.00

  • Sozialversicherungs Praxis

    Sozialversicherungs Praxis

    Sicherheit in allen Fragen zu den Schweizer Sozialversicherungen.

    Mehr Infos

  • Lohn- und GehaltsPraxis KOMPAKT

    Lohn- und GehaltsPraxis KOMPAKT

    Lohnabrechnungen erstellen leicht gemacht.

    Mehr Infos

Seminar-Empfehlungen

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Sozialversicherungen Refresher I - Grundlagen

    Frischen Sie Ihre Grundkenntnisse auf!

    Nächster Termin: 30. Oktober 2018

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Pensionierung

    Richtig planen und Mitarbeitende kompetent beraten

    Nächster Termin: 20. März 2019

    mehr Infos

  • Praxis-Seminar, 1 Tag, ZWB, Zürich

    Schwierige Gespräche erfolgreich führen

    Kommunikationsmodelle, Tipps, Tricks und Hilfsmittel

    Nächster Termin: 05. März 2019

    mehr Infos

Um unsere Website laufend zu verbessern, verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr Infos